Widerstand gegen die NS-Diktatur
(Karl Heinz Roth / Angelika Ebbinghaus)
Im Jahr 2004 gaben Angelika Ebbinghaus und Karl-Heinz Roth den Sammelband "Rote Kapellen - Kreisauer Kreise - Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945." heraus.
Dem Sammelband lag ein Forschungsprojekt zugrunde, dessen Handapparat etwa 1600 Titel umfasste. Da die Liste den Rahmen des Buches gesprengt hätte, wurde auf eine Publikation im Sammelband verzichtet.
Sie finden die Literaturliste hier.
Inhalt und Leseprobe von der Verlagsseite als PDF-Datei
Regionalgeschichte
Regionalgeschichte und deutscher Faschismus (Jörg Wollenberg)
Auf der Grundlage der im Vorjahresbericht dargelegten Konzeption habe ich im Verlauf des Jahrs 2013 zwei Themenfelder bearbeitet, die sich auf unterschiedliche regionalgeschichtliche Konstellationen bezogen.
Zum einen gelang es, die seit über zwei Jahrzehnten laufenden Bemühungen um die dauerhafte Dokumentation der frühen Konzentrationslager in Eutin und Ahrensbök (Schleswig-Holstein) erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Dazu fanden am 26. Januar und 10. Mai 2013 nochmals einführende Vortragsveranstaltungen statt. Am 29. September 2013 wurde dann in der Gedenkstätte Ahrensbök eine Dauerausstellung eröffnet. Damit kam meine mehrjährige ehrenamtliche Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök zum Abschluss.
Den zweiten Schwerpunkt bildeten „Dämmerstunden über Vergessenes und Verdrängtes – Bremen vor 80 Jahren im Spiegel der Akten und Zeitzeugen“, die ich zusammen mit Detlev Dahlke in der Zeit vom 15. Januar bis 11. Juni 2013 jeweils dienstags von 17 bis 19 Uhr im DGB-Haus Bremen durchführte. Dabei ging es um die Hintergründe und Kontexte der politischen Machtübertragung an die Nazis, die in Bremen, einer Hochburg der deutschen Arbeiterbewegung, Ende Januar 1933 begann und im März 1933 abgeschlossen wurde. Anhand von Akten und Zeitzeugenberichten von VeteranInnen der Arbeiterbewegung wurden diese Ereignisse rekonstruiert und ihre Folgen untersucht. Aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten wurden die dramatischen Auswirkungen des politischen Terrors, der politischen „Gleichschaltung“, der seit 1934/35 einsetzenden Rüstungskonjunktur und des Wegs in den „totalen Krieg“ beleuchtet. Den abschließenden Schwerpunkt bildete die in der letzten Veranstaltung aufgeworfene Frage, warum die gegen Ende des Kriegs in Gestalt der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“ geschmiedete Arbeitereinheit innerhalb weniger Monate wieder unter dem Druck der Besatzungsmacht und des früh einsetzenden Kalten Kriegs marginalisiert werden konnte. Dabei wurde am Beispiel einiger Arbeiterfamilien gezeigt, wie sich die neuerliche Spaltung der Arbeiterorganisationen nicht nur auf der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ebene auswirkte, sondern auch bis in die Poren der intimen verwandtschaftlichen Beziehungen vordrang.
Globale Krise – Globale Proletarisierung
Von der Globalen Krise zur Langen Stagnation (Karl Heinz Roth / Zissis Papadimitriou)
Im Jahr 2013 habe ich die Vorarbeiten zum zweiten Band meiner globalen Krisenanalyse fortgesetzt. Die laufende Materialsammlung – Zeitungsausschnitte der internationalen Presse, Working Papers und Serien der weltwirtschaftlichen Institutionen sowie Aufsatzkopien aus den weltwirtschaftlich orientierten Fachzeitschriften – wurde laufend aktualisiert und zu umfangreichen themenbezogenen Dossiers zusammengefasst. Auf dieser Grundlage wurde das Inhaltsverzeichnis laufend aktualisiert, und im Februar verfasste ich eine erste Einleitung, in der ich die auf die Krise von 2007/2008 gefolgte bisherige Entwicklung resümierte, die bisherige Hypothese einer bevorstehenden Langen Depression in Frage stellte und mich auf die wahrscheinlicher gewordene Perspektive einer mehrjährigen Stagnationsphase („Lange Stagnation“) festlegte.
Bei diesen Vorarbeiten geriet der besondere Charakter der europäischen Austeritätspolitik immer stärker in den Fokus. Es wurde zunehmend deutlich, dass dieser auf die erste antizyklische Periode gefolgte restriktive Umschlag der Wirtschafts- und Finanzpolitik die Europäische Union und insbesondere die Euro-Zone zunehmend aus den globalen Erholungstendenzen herauslöst, in eine lang anhaltende Depression hineintreibt und dabei gleichzeitig die binneneuropäischen Ungleichgewichte so weit vertieft, dass der europäische Integrationsprozess zunehmend in Frage gestellt wird. Durch diese Erkenntnis wurden die im Vorjahr am Beispiel Griechenlands erarbeiteten Fragestellungen auf den gesamteuropäischen Zusammenhang ausgedehnt.
Ausgehend von dieser Einschätzung stellte ich im Frühjahr meine weltwirtschaftlichen Studien zurück und verfasste zusammen mit dem griechischen Sozialwissenschaftler Zissis Papadimitriou ein etwa 100-seitiges „Manifest für ein egalitäres Europa“, in dem die Analyse des vor allem durch die deutschen Herrschaftseliten erzwungenen europäischen „Sonderwegs“ mit alternativen Handlungsoptionen aus der Perspektive von unten verknüpft ist. Die Flugschrift erschien im Sommer, eine griechische Übersetzung folgte gegen Ende des Jahrs. Das Manuskript war zuvor im befreundeten Umfeld ausgiebig diskutiert und entsprechend überarbeitet worden. Es diente zusätzlich als Blaupause für einen Aufruf, der Anfang Juni in ein speziell dafür eingerichtetes multilinguales Internet-Portal gestellt wurde, wo er inzwischen in acht europäischen Sprachen präsent ist (www.egalitarian-europe.com). Die der Flugschrift und diesem Aufruf zugrunde liegenden Analysen wurden von Zissis Papadimitriou und mir erstmalig Ende April in einer öffentlichen Veranstaltung und in einem Seminar des Frankfurter Instituts für Sozialforschung vorgestellt; weitere, teilweise gut besuchte Veranstaltungen folgten.
Insgesamt blieb die Resonanz jedoch deutlich hinter unseren Erwartungen zurück. Unsere Initiative wurde zwar durchaus wahrgenommen, vermochte sich jedoch in den aktuellen Europa-Diskursen nicht durchzusetzen. In den vergangenen Monaten war vielmehr eine zunehmende „Besetzung“ des Themas durch neo-konservative und neo-faschistische Strömungen zu beobachten. Mit dieser Entwicklung setzte ich mich im Oktober anlässlich einer Veranstaltung der Ossietzky-Gesellschaft auseinander, der Vortrag wurde anschließend zu einem Überblicksaufsatz über den Neo-Faschismus in Europa erweitert.
Bisherige Publikationen zum Projekt:
![]() |
![]() |
|
|
Karl Heinz Roth, Zissie Papdimitriou, Die Katastrophe verhindern. Manifest für ein egalitäres Europa, Hamburg: Edition Nautilus 2013. Link zum Buch auf der Verlagsseite |
|
Karl Heinz Roth, Die globale Krise, Hamburg: VSA Verlag 2009. Link zur VerlagsseiteInhalt und Leseprobe auf der Verlagsseite
|
Aktueller Schwerpunkt:
Das Multiversum: Globale Proletarisierung - Gegenperspektiven (Karl Heinz Roth)
IG Farben - IG Auschwitz
(Karl Heinz Roth / Florian Schmaltz)
Die Jahre 2024 und 2025 standen ganz im Zeichen einer nochmals intensivierten Suche nach den Überlieferungen zur Vorgeschichte, Geschichte und zu den Nachwirkungen des I.G. Farben-Werks Auschwitz, des größten und folgenreichsten Investitionsvorhabens des Chemie-Trusts während des Zweiten Weltkriegs. Weitere Quellenfunde bestärkten uns in der Hoffnung, die Baugeschichte von I.G. Auschwitz in allen wesentlichen Aspekten – Arbeitsverhältnisse, Lager für verschiedene Gruppen von Arbeitskräften, Werkssiedlung und Werks-KZ Monowitz, Chemietechnologie, das Ineinandergreifen der Produktionssparten, das Leitungspersonal und die Rolle des Werks innerhalb des SS-„Interessengebiets Auschwitz“ rekonstruieren zu können. Dies gelang jedoch noch immer nicht abschließend. Gleichwohl lokalisierte Florian Schmaltz in dem im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden überlieferten Bestand der I.G. Farbenindustrie in Liquidation eine Aktenserie zu den „Abwicklungsstellen“ der I.G.-Werke Auschwitz und Heydebreck, die wichtige Einblicke in die Abläufe der Baugeschichte, die stufenweise Inbetriebnahme von Werksteilen und das Personal der Bauleitung eröffnen. Zusätzlich konnten schon vorhandene Teilbestände vervollständigt werden, so etwa die Überlieferungen des von I.G. Auschwitz betriebenen Kohlenbergwerks „Fürstengrube“ und des dortigen KZ-Außenlagers. Einen neuen Fund stellt die Werkszeitung der I.G. Auschwitz dar, die als Lokalausgabe der Zeitschrift „Von Werk zu Werk“ von 1942 bis Oktober 1944 erschien. Die Werkszeitung der I.G. Auschwitz ist im Bayer-Archiv Leverkusen unvollständig überliefert. Die Lücken konnten durch eine komplementäre Überlieferung im BASF-Archiv vollständig geschlossen werden. Die an die deutsche Stammbelegschaft kostenlos verteilte Werkszeitung enthält neben bislang unbekanntem Fotomaterial des Werks unter anderem Berichte über die Zwangsaussiedlungen der jüdischen und polnischen Einwohner aus Auschwitz, deren Wohnungen von I.G. Farben-Angestellten übernommen wurden. Reportagen über Besuche politischer Funktionsträger des NS-Regimes sowie Kultur- und Sportveranstaltungen der Sozialabteilung der I.G. Auschwitz und der Deutschen Arbeitsfront bieten Einblicke in den Betriebsalltag der deutschen Zivilbelegschaft des in Nachbarschaft zu dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gelegenen Werks.
Auch die Kooperation mit den Arolsen Archives machte gute Fortschritte (vgl. den Tätigkeitsbericht 2022/23). Die mit der Archivleitung vereinbarte Digitalisierung der Mikrofilme des Arbeitsamts Auschwitz war im März 2024 abgeschlossen. Wir erhielten die etwa 140.000 Blatt umfassende Reproduktion als Festplatte und erarbeiteten anschließend ein mit der Leitung der Arolsen Archives abgesprochenes Erschließungskonzept. Es handelt sich dabei um die Karteikarten von etwa 60.000 zivilen Kontrakt- und Zwangsarbeitern, die dem I.G.-Werk und den übrigen im „Interessengebiet Auschwitz“ angesiedelten Unternehmen zugewiesen wurden. Sie werden durch Einzelfallakten, Belegschafts- und Personallisten sowie weitere Personalformulare ergänzt und eröffnen gemeinsam mit den statistischen Wochenberichten und der Werkszeitung einen recht genauen Blick auf die soziale und nationale Zusammensetzung der Belegschaft, in der alle Komponenten der unfreien Arbeit – Kontraktarbeiter, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – durch die eiserne Faust des I.G.-Managements zum Gesamtarbeiter zusammengefügt wurden.
Durch eine abschließende Recherche wurden die noch fehlenden Umfeld-Materialien erschlossen. Von besonderer Bedeutung ist die Digitalisierung der Akten des Technischen Ausschusses (TEA) der I.G. Farben, die original im Hoechst-Archiv vorliegen. Florian Schmaltz arbeitet seit Mai 2024 mit der Finkelstein-Stiftung der Bayer AG zusammen. Er wird sich bemühen, die Digitalisierung der relevanten TEA in die Wege zu leiten.
Auf dem Server der Stiftung für Sozialgeschichte wurde eine Cloud eingerichtet, die den in Bremen und Berlin lebenden Projektmitarbeitern einen gemeinsamen Zugriff auf die synchronisierte Datenbank der Digitalisate ermöglicht. Sie wird von Malte Heuer betreut. Nach Überwindung technischer Startschwierigkeiten funktioniert die Cloud reibungslos. Der Umfang der digitalisierten Dokumente reichte bis Ende 2025 bis an die Grenze von einem Terabyte heran.
Hans Deichmann
Biographie-Projekt Hans Deichmann (Karl Heinz Roth)
Aus der ursprünglich geplanten Monographie über den aus dem Kölner Großbürgertum stammenden Unternehmer und Publizisten Hans Deichmann (1907–2004) ist eine Trilogie geworden. Sie baut auf drei Handlungsebenen auf, die mit der Analyse des sozial- und familiengeschichtlichen Umfelds beginnen und in die Rekonstruktion des Lebenswegs des Protagonisten einmünden. Hinter dieser Entscheidung stehen methodologische Überlegungen, die die seit eineinhalb Jahrzehnten betriebene Quellenrecherche begleiteten und im Verlauf des Jahrs 2024 zum Abschluss kamen. Das Projekt ist seither auf eine dreibändige Studie angelegt:
Band I: Wege zum Reichtum. Das Kölner Großbürgertum im langen 19. Jahrhundert.
Band II: Aufstieg und Niedergang. Die Familiendynastie Deichmann und die Bank Deichmann & Co. 1830–1931.
Band III: Leben in einem zerrissenen Jahrhundert: Hans Deichmann (1907–2004). Eine Biographie.
Im ersten Band rekonstruiere ich am Fallbeispiel Köln den Aufstieg des Großbürgertums von den ersten Anfängen in der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu seiner Integration in die wilhelminische Machtelite. Dieser Prozess ist keineswegs linear verlaufen. Seine Deutung ist in der historischen Forschung entsprechend umstritten. Auch war er keineswegs zwangsläufig, wie ein Blick auf die Revolution von 1848/49 zeigt, bei der die Rheinmetropole eine herausragende Rolle spielte. Die Jahre 1848/49 markieren einen Wendepunkt. Das in den Spekulationsphasen der Franzosenzeit reich gewordene Stadtbürgertum ließ in der Konfrontation mit der Sozialrevolte der Unterklassen seine konstitutionellen Reformkonzepte fallen und ordnete sich dem spätabsolutistischen preußischen Militärstaat unter. Als Gegenleistung erhielt es freie Hand bei der Forcierung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Gründerperioden der 1850er und 1870er Jahre. In dieser Phase des politischen Großhungerns und des ökonomischen Prosperierens avancierte das Kölner Kaufmanns- und Bankkapital zum Motor der Entwicklung der rheinischen Nachbarregionen und des Ruhrgebiets. Nach der Reichsgründung kam es zu einer mentalen Überidentifikation mit der Hohenzollernmonarchie, in deren Verlauf sich der Militär- und Beamtenadel mit der Großbourgeoisie zur wilhelminischen Machtelite vereinigte.
Dieser äußere Prozess war von markanten Entwicklungen innerhalb der großbürgerlichen Lebenswelten begleitet. Die Großbourgeoisie nutzte ihren inzwischen akkumulierten Reichtum zur Entwicklung eines spezifischen Habitus, der sie von den übrigen Gesellschaftsklassen absonderte. Sie separierte sich räumlich und zog sich in Stadtvillen und auf Landsitze zurück. Es bildeten sich neue Familienoligarchien heraus, die sich im Gefolge einer gezielten Heiratspolitik vernetzten und komplementäre Unternehmensnetzwerke ausbildeten. Die dominierende Stellung dieser Netzwerke wurde seit den 1890er Jahren zunehmend durch das Aufkommen der großen Aktiengesellschaften infrage gestellt. Hinzu kamen weitere innere und äußere Faktoren, die sie zunehmend erodieren ließen. Schließlich kam es zu einem Radikalisierungsprozess, der auch das Kölner Großbürgertum in die Abgründe des Ersten Weltkriegs hineintrieb.
Die Niederschrift des Manuskripts war im Frühjahr 2024 abgeschlossen. Es hat einen Umfang von 250 Seiten. Von einer separaten Veröffentlichung wurde zunächst abgesehen.
*
Im April 2024 begann ich mit der Fortsetzung der Quellenrecherche und den Vorstudien zum zweiten Band. Bei der Herausbildung der Kölner Großbourgeoisie hatten die ersten drei Generationen der Bankiersfamilie Deichmann eine bedeutende Rolle gespielt. In der historischen Forschung wurden sie jedoch bislang nur kursorisch erwähnt. Dieses Phänomen ist auf die äußerst prekäre Quellenlage zurückzuführen. Die bis in das Jahr 1914 reichenden Bestände des Archivs der Bank Deichmann & Co. – und mit ihm das Familienarchiv – verbrannte 1944 bei einem alliierten Luftangriff. Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise wurde die Bank insolvent und im Rahmen eines mehrjährigen Vergleichsverfahrens liquidiert. Bei dieser Abwicklung blieb die Registratur erhalten. Wie ich nach monatelanger Suche herausfand, war sie noch in den 1950er Jahren in der Kanzlei der Liquidatoren untergebracht. Danach verloren sich ihre Spuren. Auch eine von einem Unternehmenshistoriker 1925 abgeschlossene Studie zur Geschichte von Deichmann & Co. bis zum Jahr 1914 blieb unveröffentlicht; das Manuskript konnte bis heute nicht lokalisiert werden.
Das waren denkbar schlechte Voraussetzungen für den ins Auge gefassten Band II der Trilogie. Bislang existierten nur fragmentarische Überlieferungen aus dem Kölner Stadtarchiv und den Wirtschaftsarchiven des Rhein- und Ruhrgebiets. Sie konnten durch das Studium der großen Quelleneditionen, einiger unveröffentlichter Autobiographien sowie durch die Durchforstung der Zeitungsarchive und Adressbücher ergänzt werden. Das alles reichte jedoch für eine kohärente historische Analyse noch nicht aus. Um die Frage ihrer „Machbarkeit“ endgültig zu klären, unternahm ich im Sommer 2024 gemeinsam mit Malte Heuer eine Archivreise und konsultierte mit seiner Hilfe in Köln, Bonn-Bad Godesberg und Koblenz alle einschlägigen Quellenbestände. Das Ergebnis war positiv. In den Parallel-Überlieferungen des Familiennetzwerks Deichmann – Mallinckrodt – Camphausen – vom Rath – Guilleaume und Schnitzler fanden sich hinreichende Unterlagen, die eine Rekonstruktion der Wechselbeziehungen zwischen der Unternehmerfamilie Deichmann und dem Familienunternehmen Deichmann & Co. ermöglichen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die im Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv aufbewahrte Sammlung von 570 Briefen, die Wilhelm Ludwig Deichmann, der Gründer der Familiendynastie, in den Jahren 1854 bis 1876 an seinen in London als Banker tätigen Sohn Adolph Deichmann adressierte. Der Bestand liegt seit November 2024 digital vor. Mit der Transkription der in Kurrentschrift verfassten Briefe begann Malte Heuer im Verlauf des Jahrs 2025 (vgl. die Wiedergabe eines Briefabschnitts aus dem Jahr 1854 auf der Titelseite dieses Tätigkeitsberichts). Da mittlerweile auch die im Krupp-Archiv überlieferten Korrespondenzen der bis in die dritte Generation befreundeten Familien Krupp und Deichmann digital zugänglich sind, ist eine ausreichende Quellenbasis gesichert. Die Reproduktionsqualität der überwiegend handschriftlich verfassten Dokumente ist jedoch sehr unterschiedlich. Ihre Lektüre ist auch für den Geübten mühsam und stößt häufig an Grenzen. Sie müssen deshalb in großem Umfang transkribiert werden. Dieser Arbeitsschritt erfordert viel Zeit. Ich entschloss mich deshalb im Juli 2024, die Arbeit am Manuskript für Band II bis auf Weiteres zurückzustellen.
*
Nach der Unterbrechung der Vorarbeiten für den zweiten Band der Trilogie wandte ich mich der Biographie Hans Deichmanns zu. Inzwischen hatte ich mich zu einer Darstellungsform entschieden, die im Wesentlichen an den chronologischen Abläufen seines Lebenswegs orientiert ist. Das machte es möglich, den jeweiligen Kapiteln eine nochmalige Quellenrecherche voraufgehen zu lassen. Zusätzlich entschloss ich mich zu einer relativ breit angelegten Kontextualisierung. Bei den ersten Kapiteln konnte ich dabei häufig – aber keineswegs immer – auf die bislang geleisteten Vorarbeiten zu den Bänden I und II zurückgreifen. Dies änderte sich erstmals, sobald der junge Studierende der Rechtswissenschaft seine Ausbildung an der Universität Wien fortsetzte und dort in einen libertär-bürgerlichen Freundeskreis kooptiert wurde, der seinen durch die Normensysteme der konservativen Großbourgeoisie geprägten Habitus nachhaltig veränderte. Die Nach-Sozialisation durch den „Schwarzwald-Kreis“ hat Deichmann wesentlich beeinflusst. Sie trug dazu bei, dass er gegen die Verlockungen der Nazi-Bewegung immun blieb, und begleitete ihn bis in seine letzte Lebensetappe. Ich habe ihr deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet, auf das ich am Ende der biographischen Studie wieder zurückkomme.
Nach seinem Studienabschluss trat Deichmann 1931 als promovierter Lehrling in den I.G. Farben-Konzern ein. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in der Farbenabteilung des Chemie-Trusts und stieg bis 1938 zum leitenden Angestellten auf. Obwohl die Farben-Sparte während der Großen Depression und auch noch in der Phase der Hochrüstung und Kriegsvorbereitung den renditeträchtigen Kern der I.G. Farben repräsentierte, wurde sie bis heute in der historischen Forschung kaum untersucht. Infolgedessen konnte ich mich bei der Kontextualisierung der beruflichen Tätigkeit nicht auf einige Querverweise beschränken. Ich habe mich vielmehr bemüht, den Nachwuchsmanager Deichmann umfassend im Metier des Farben- und Chemikalienverkaufs zu verorten, für das er seit 1938 als Leiter der Italien-Abteilung tätig war.


