Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts
  • Home
  • Stiftung
    • Tätigkeitsberichte
    • Gremien
    • Aktuelles
    • Spenden
    • Impressum
    • Links
    • Wir über uns
  • Archiv
    • Findmittel
  • Bibliothek
    • Katalogübersicht
  • Forschung
    • Arbeiter*innenbewegungen
    • Hans Deichmann
    • Coronakrise
      • Aktuelles
    • IG Auschwitz
    • Reparationsschuld
      • Aktuelles
      • Erstausgabe 2017
      • Zweitausgabe 2019
    • Regionalgeschichte
    • Globale Krise
    • Reemtsma Krim
    • Beyond Marx
    • 1968 und die Folgen
    • Widerstand
    • Research Fellows
    • In Planung
  • Publikationen
    • Neuerscheinungen
    • Bücher
    • Online-Publikationen
  • Zeitschriften
    • Zeitschrift 1999 und Sozial.Geschichte
    • sozial.geschichte.extra
    • Arbeitspapiere / Mitteilungen / Newsletter
    • Sozial.Geschichte Online / Social History Online
  1. Home
  2. Beiträge
  3. Forschung
  4. Projekte

Widerstand gegen die NS-Diktatur

 

(Karl Heinz Roth / Angelika Ebbinghaus)

Im Jahr 2004 gaben Angelika Ebbinghaus und Karl-Heinz Roth den Sammelband "Rote Kapellen - Kreisauer Kreise - Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945." heraus.

Dem Sammelband lag ein Forschungsprojekt zugrunde, dessen Handapparat etwa 1600 Titel umfasste. Da die Liste den Rahmen des Buches gesprengt hätte, wurde auf eine Publikation im Sammelband verzichtet.

Sie finden die Literaturliste hier.

 

 

Inhalt und Leseprobe von der Verlagsseite als PDF-Datei

 

Aufstieg und Niedergang von Arbeiter*innenbewegungen

 

(Marcel van der Linden)

Traditionelle Arbeiter- und sozialistische Bewegungen befinden sich fast überall in einer Krise. Dies zeigt sich in allen drei Hauptformen organisierter Arbeiterbewegungen. An erster Stelle stehen die Konsumgenossenschaften. Sie gehen auf das 18. Jahrhundert zurück und erlebten ihre Blütezeit in der Zwischenkriegszeit und der ersten Zeit danach. Die darauf folgenden Herausforderungen (das Aufkommen von Supermärkten und Handelsketten sowie Veränderungen im Verbraucherverhalten) machten drastische Veränderungen notwendig, die die interne Demokratie der meisten Unternehmen untergruben. In Großbritannien, das von vielen als die Wiege der modernen Konsumgenossenschaften angesehen wird, ist die Zahl der Organisationen beispielsweise innerhalb eines Jahrhunderts von über 1.400 auf 18 gesunken. Ähnliche Trends sind in vielen anderen Ländern zu beobachten.

Zweitens hat die Macht der unabhängigen Gewerkschaften in den meisten Ländern abgenommen, wie der Rückgang der gewerkschaftlichen Organisationsquote (Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen) zeigt. Gewerkschaften organisieren weltweit nur einen kleinen Prozentsatz ihrer Zielgruppe, und die Mehrheit von ihnen lebt in der relativ wohlhabenden nordatlantischen Region. Die mit Abstand wichtigste globale Dachorganisation ist der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB), der 2006 aus dem Zusammenschluss zweier älterer Organisationen, des säkularen, reformorientierten Internationalen Bundes freier Gewerkschaften und des christlichen Weltgewerkschaftsbundes, gegründet wurde. Im Jahr 2014 schätzte der IGB, dass weltweit etwa 200 Millionen Arbeitnehmer Gewerkschaften angehören (ohne die chinesischen), und dass 176 Millionen davon im IGB organisiert sind.

Der IGB schätzte zudem, dass die weltweite Erwerbsbevölkerung im Jahr 2014 bei rund 2,9 Milliarden lag (von denen 1,2 Milliarden in der informellen Wirtschaft tätig waren). Demnach betrug der weltweite gewerkschaftliche Organisationsgrad zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 7 % (200 Millionen als Prozentsatz von 2,9 Milliarden). Mittlerweile könnte sie auf nur noch 6 % gesunken sein. In den OECD-Ländern sank der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2000 und 2019 von 20,9 % auf 15,8 %. In vielen Ländern zeigt die langfristige Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung ein „bergförmiges“ oder „parabolisches“ Muster, wie beispielsweise im Fall der Vereinigten Staaten (Abbildung 1).

 

 


Abbildung 1 Gewerkschaftlicher Organisationsgrad in den USA, 1880-2018

Quelle: Ryan Nunn, Jimmy O’Donnell und Jay Shambaugh, The Shift in Private Sector Union Participation. Explanation and Effects, in: The Hamilton Project Paper, (August 2019), S. 3, online in: https://www.hamiltonproject.org/assets/files/UnionsEA_Web_8.19.pdf (Stand: 15.6.2026) 

 

Das dritte wichtige Element der Arbeiterbewegungen sind natürlich die politischen Organisationen. Der Anarchismus unter Arbeitern und Kleinbauern erlebte zwischen etwa 1870 und 1940 eine Blütezeit und erreichte weltweit in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg seinen Höhepunkt. Die Blütezeit des revolutionären Syndikalismus lag, global betrachtet, zwischen 1900 und 1940. Auch den sozialdemokratischen und Arbeiterparteien geht es nicht besonders gut; was die Wählerpopularität angeht, erreichte die große Mehrheit ihren Höhepunkt zwischen 1920 und 1989. In den letzten Jahren ist der relative Niedergang sogar allgemein geworden. 

Zudem wurden nicht wenige kommunistische Parteien in nichtkommunistischen Ländern nach Wahlrückgängen, Spaltungen oder finanziellen Zusammenbrüchen aufgelöst. Die meisten anderen haben es schwer. Auch hier lässt sich oft ein „bergartiges“ Muster beobachten, wie zum Beispiel in Frankreich oder Westbengalen.

Ein weiterer Faktor, der dabei eine Rolle spielt, ist das endgültige Scheitern der „realsozialistischen“ Versuche in der Sowjetunion, in Osteuropa, China und Südostasien. Das Sowjetimperium ist zusammengebrochen, und China und Vietnam haben den Weg zum Kapitalismus eingeschlagen. 
Insgesamt scheint das Vorstehende auf drei Dinge hinzudeuten: Auf weltweiter Ebene haben Konsumgenossenschaften Einfluss verloren oder sie haben sich zu Einzelhandelsunternehmen gewandelt, ohne dass Mitglieder das Geschäft demokratisch kontrollieren. Gewerkschaften sind nicht nur eine schwache Kraft, sondern ihre Macht nimmt auch ab; und in vielen Ländern haben Gewerkschaften ihre Verbündeten, die Arbeiterparteien, verloren, entweder weil diese Parteien verschwunden sind oder weil sie eine Variante des Neoliberalismus übernommen haben. Der Niedergang der Arbeiterbewegungen scheint nahezu allumfassend zu sein.

Diese gesamte Entwicklung ist paradox. Während viele Arbeiterbewegungen eine Krise durchleben, wächst die weltweite Arbeiterklasse weiter. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation stieg der Anteil der reinen Lohnabhängigen („Arbeitnehmer“) an der weltweiten Erwerbsbevölkerung zwischen 1991 und 2022 von 44 auf 53 Prozent. Weltweit stehen immer mehr Arbeitnehmer in direkten wirtschaftlichen Kontakten zueinander, auch wenn sich viele dessen wahrscheinlich nicht bewusst sind. Und der Anteil der internationalen Migranten an der Weltbevölkerung stieg zwischen 2000 und 2020 von 2,8 % auf 3,5 %.
Es kann vermutet werden, dass diese allgemeine Krise das Ende eines langen Zyklus markiert, der grob gesagt den Zeitraum von den 1820er- bis 1840er-Jahren bis zur Gegenwart umfasst. Aufbauend auf einer langen egalitären Tradition begann er mit „utopischen“ Experimenten. Beeinflusst durch das rasche Aufkommen des Kapitalismus und den Wandel der Staaten spaltete sich die Bewegung nach den Revolutionen von 1848 allmählich in zwei Flügel: Der eine strebte danach, hier und jetzt eine staatenlose alternative Gesellschaft aufzubauen (Anarchismus/Syndikalismus), der andere hingegen wollte den Staat so umgestalten, dass er zum Aufbau dieser alternativen Gesellschaft genutzt werden konnte (Sozialdemokratie; kommunistische Bewegungen; arabischer Sozialismus; afrikanischer Sozialismus; indischer Sozialismus usw.). Keiner der beiden Tendenzen gelang es, das ursprüngliche Ziel zu erreichen, den Kapitalismus durch eine sozial gerechte und demokratische Gesellschaft zu ersetzen.

Seit dem 18. Jahrhundert sind unzählige Bemühungen um Selbstorganisation und politische Vertretung der Arbeiter:inneninteressen zu beobachten, die unter anderem in den Revolutionen in Haiti (1791), Russland (1917) und Bolivien (1952) sowie im Aufstieg mächtiger Arbeiter:innenorganisationen in Teilen Amerikas, Europas, des südlichen Afrikas, Ostasiens und des westlichen Pazifiks ihren Höhepunkt fanden. Natürlich bestand dieser Fortschritt nicht ausschließlich aus Erfolgen, und die Niederlagen haben die Siege vielleicht sogar zahlenmäßig übertroffen. Lange Zeit schien der allgemeine Trend jedoch auf eine Verbesserung hinzudeuten: „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“

Die kritische Analyse dieses großen Zyklus – insbesondere im Zusammenhang mit der stetig wachsenden globalen Arbeiterklasse – ist eine Herausforderung von enormem wissenschaftlichem und politischem Interesse, vor allem weil der Niedergang in vielen Ländern mit einem Wiederaufleben der radikalen Rechten einhergeht, die sich als Alternative zu den traditionellen Arbeiterorganisationen präsentiert. Der lange Zyklus muss eingehend untersucht werden, um die Ergebnisse und Perspektiven der Bewegungen zu ermitteln. Warum konnten Erfolge erzielt werden? Warum kam es zu Misserfolgen und Niederlagen? Solche Erkenntnisse zu gewinnen, ist keine antiquarische Übung. Ein zweiter „großer Zyklus“ ist keineswegs undenkbar und scheint sich tatsächlich bereits vorsichtig anzukündigen. Klassenkonflikte werden nicht abnehmen, und Arbeiter:innen auf der ganzen Welt werden weiterhin das allgegenwärtige Bedürfnis nach wirksamen Organisationen und Kampfformen verspüren. Sollte ein zweiter großer Zyklus entstehen, könnte die historische Forschung Erkenntnisse liefern und helfen, Fehler zu vermeiden. Rückblickend betrachtet: Welche „Wendepunkte“ in der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung waren von großer politischer und theoretischer Bedeutung? Und wie können wir beurteilen, ob Entscheidungen unvermeidlich waren oder anders hätten ausfallen können?
Das Projekt möchte damit beginnen, die Entwicklung der sozialistischen und Arbeiterbewegungen in der Zeit von den 1820er bis zu den 2020er Jahren als eine Abfolge strategischer Entscheidungen nachzuzeichnen. Viel zu oft wird Geschichte als eine Abfolge „unvermeidlicher“ Entscheidungen beschrieben. Aber war das wirklich so? Drei Beispiele mögen helfen, diesen Punkt zu verdeutlichen.

  • Während des Vierten (Einheits-)Kongresses der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1906 in Stockholm lehnten die Menschewiki (Plechanow u. a.) Lenins Vorschläge zur Verstaatlichung des Bodens energisch ab. Sie argumentierten, die russische Geschichte sei durch die Hypertrophie des Staates gekennzeichnet, und befürchteten, die Verstaatlichung würde das alte staatliche Monopol auf das Land in Russland wiederbeleben – ein Monopol, das die wirtschaftliche Grundlage des despotischen Staates gewesen war. Um eine Wiederherstellung der alten Ordnung zu verhindern, hielten sie es für unerlässlich, die Entscheidungsgewalt zu dezentralisieren und die Kommunalisierung des Bodens einzuführen. Welche langfristigen Folgen hätte es gehabt, wenn die RSDAP diesen Standpunkt akzeptiert hätte?
  • Wären die SPD und die KPD am Ende der Weimarer Republik gemeinsam gegen den Nationalsozialismus vorgegangen, wäre das Dritte Reich wahrscheinlich verhindert worden. Vor Hitlers Machtübernahme sprachen sich nur kleine linke Gruppierungen für eine solche Zusammenarbeit aus. Was wäre geschehen, wenn die großen Arbeiterparteien diese Ansichten rechtzeitig übernommen hätten? 
  • Hätten die sozialdemokratischen Parteien in Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien energisch unterstützt, anstatt sie (teilweise gewaltsam) zu bekämpfen, wie hätte dann die politische Landschaft im Globalen Süden nach der Unabhängigkeit ausgesehen?

Es ist natürlich unmöglich, auf solche Fragen endgültige Antworten zu geben. Dennoch ist es sinnvoll, sie zu stellen. Sie können deutlich machen, dass es in der Vergangenheit Optionen gab, die es wert sind, erneut in Betracht gezogen zu werden. Die Analyse darf sich jedoch nicht mit der Feststellung begnügen: „Das wäre (oder wäre nicht) besser gewesen“. Wir müssen uns natürlich auch fragen, welche wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Faktoren die Verwirklichung alternativer Optionen verhindert haben. Die Rekonstruktion früherer Entscheidungen ist zweifellos kompliziert.

Unser ehrgeiziges Ziel ist es, eine kritische Analyse des globalen Arbeitsprojekts der letzten zwei Jahrhunderte anzustellen. An vielen Orten zeichnen sich bereits die Anfänge neuer Arbeiter:innenbewegungen ab, und vielleicht lässt sich aus der Vergangenheit etwas lernen, das zu Erfolgen in der Zukunft beitragen kann. Als ersten Schritt veröffentlichten Don Kalb (Professor für Anthropologie der Universität Bergen) und Marcel van der Linden eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Revisiting the Old Dilemmas“ in der Zeitschrift International Labor and Working Class History, H. 106 (Oktober 2024), und ein Essay in Focaal: Journal of Global and Historical Anthropology, H. 101 (2025), S. 111–122.

 

Regionalgeschichte

 

Regionalgeschichte und deutscher Faschismus (Jörg Wollenberg)

Auf der Grundlage der im Vorjahresbericht dargelegten Konzeption habe ich im Verlauf des Jahrs 2013 zwei Themenfelder bearbeitet, die sich auf unterschiedliche regionalgeschichtliche Konstellationen bezogen.

Zum einen gelang es, die seit über zwei Jahrzehnten laufenden Bemühungen um die dauerhafte Dokumentation der frühen Konzentrationslager in Eutin und Ahrensbök (Schleswig-Holstein)  erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Dazu fanden am 26. Januar und 10. Mai 2013 nochmals einführende Vortragsveranstaltungen statt. Am 29. September 2013 wurde dann in der Gedenkstätte Ahrensbök eine Dauerausstellung eröffnet.  Damit kam meine mehrjährige ehrenamtliche Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök zum Abschluss.

Den zweiten Schwerpunkt bildeten „Dämmerstunden über Vergessenes und Verdrängtes – Bremen vor 80 Jahren im Spiegel der Akten und Zeitzeugen“, die ich zusammen mit Detlev Dahlke in der Zeit vom 15. Januar bis 11. Juni 2013 jeweils dienstags von 17 bis 19 Uhr im DGB-Haus Bremen durchführte. Dabei ging es um die Hintergründe und Kontexte der politischen Machtübertragung an die Nazis, die in Bremen, einer Hochburg der deutschen Arbeiterbewegung, Ende Januar 1933 begann und im März 1933 abgeschlossen wurde. Anhand von Akten und Zeitzeugenberichten von VeteranInnen der Arbeiterbewegung wurden diese Ereignisse rekonstruiert und ihre Folgen untersucht. Aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten wurden die dramatischen Auswirkungen des politischen Terrors, der politischen „Gleichschaltung“, der seit 1934/35 einsetzenden Rüstungskonjunktur und des Wegs in den „totalen Krieg“ beleuchtet. Den abschließenden Schwerpunkt bildete die in der letzten Veranstaltung aufgeworfene Frage, warum die gegen Ende des Kriegs in Gestalt der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“ geschmiedete Arbeitereinheit innerhalb weniger Monate wieder unter dem Druck der Besatzungsmacht und des früh einsetzenden Kalten Kriegs marginalisiert werden konnte. Dabei wurde am Beispiel einiger Arbeiterfamilien gezeigt, wie sich die neuerliche Spaltung der Arbeiterorganisationen nicht nur auf der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ebene auswirkte, sondern auch bis in die Poren der intimen verwandtschaftlichen Beziehungen vordrang.

 

 

 

 

Globale Krise – Globale Proletarisierung

 

Von der Globalen Krise zur Langen Stagnation (Karl Heinz Roth / Zissis Papadimitriou)

Im Jahr 2013 habe ich die Vorarbeiten zum zweiten Band meiner globalen Krisenanalyse fortgesetzt. Die laufende Materialsammlung – Zeitungsausschnitte der internationalen Presse, Working Papers und Serien der weltwirtschaftlichen Institutionen sowie Aufsatzkopien aus den weltwirtschaftlich orientierten Fachzeitschriften – wurde laufend aktualisiert und zu umfangreichen themenbezogenen Dossiers zusammengefasst. Auf dieser Grundlage wurde das Inhaltsverzeichnis laufend aktualisiert, und im Februar verfasste ich eine erste Einleitung, in der ich die auf die Krise von 2007/2008 gefolgte bisherige Entwicklung resümierte, die bisherige Hypothese einer bevorstehenden Langen Depression in Frage stellte und mich auf die wahrscheinlicher gewordene Perspektive einer mehrjährigen Stagnationsphase („Lange Stagnation“) festlegte. 

Bei diesen Vorarbeiten geriet der besondere Charakter der europäischen Austeritätspolitik immer stärker in den Fokus. Es wurde zunehmend deutlich, dass dieser auf die erste antizyklische Periode gefolgte restriktive Umschlag der Wirtschafts- und Finanzpolitik die Europäische Union und insbesondere die Euro-Zone zunehmend aus den globalen Erholungstendenzen herauslöst, in eine lang anhaltende Depression hineintreibt und dabei gleichzeitig die binneneuropäischen Ungleichgewichte so weit vertieft, dass der europäische Integrationsprozess zunehmend in Frage gestellt wird. Durch diese Erkenntnis wurden die im Vorjahr am Beispiel Griechenlands erarbeiteten Fragestellungen auf den gesamteuropäischen Zusammenhang ausgedehnt.

Ausgehend von dieser Einschätzung stellte ich im Frühjahr meine weltwirtschaftlichen Studien zurück und verfasste zusammen mit dem griechischen Sozialwissenschaftler Zissis Papadimitriou ein etwa 100-seitiges „Manifest für ein egalitäres Europa“, in dem die Analyse des vor allem durch die deutschen Herrschaftseliten erzwungenen europäischen „Sonderwegs“ mit alternativen Handlungsoptionen aus der Perspektive von unten verknüpft ist. Die Flugschrift erschien im Sommer, eine griechische Übersetzung folgte gegen Ende des Jahrs. Das Manuskript war zuvor im befreundeten Umfeld ausgiebig diskutiert und entsprechend überarbeitet worden. Es diente zusätzlich als Blaupause für einen Aufruf, der Anfang Juni in ein speziell dafür eingerichtetes multilinguales Internet-Portal gestellt wurde, wo er inzwischen in acht europäischen Sprachen präsent ist (www.egalitarian-europe.com). Die der Flugschrift und diesem Aufruf zugrunde liegenden Analysen wurden von Zissis Papadimitriou und mir erstmalig Ende April in einer öffentlichen Veranstaltung und in einem Seminar des Frankfurter Instituts für Sozialforschung vorgestellt; weitere, teilweise gut besuchte Veranstaltungen folgten.

Insgesamt blieb die Resonanz jedoch deutlich hinter unseren Erwartungen zurück. Unsere Initiative wurde zwar durchaus wahrgenommen, vermochte sich jedoch in den aktuellen Europa-Diskursen nicht durchzusetzen. In den vergangenen Monaten war vielmehr eine zunehmende „Besetzung“ des Themas durch neo-konservative und neo-faschistische Strömungen zu beobachten. Mit dieser Entwicklung setzte ich mich im Oktober anlässlich einer Veranstaltung der Ossietzky-Gesellschaft auseinander, der Vortrag wurde anschließend zu einem Überblicksaufsatz über den Neo-Faschismus in Europa erweitert. 

 

Bisherige Publikationen zum Projekt:

 

 
     

Karl Heinz Roth, Zissie Papdimitriou, Die Katastrophe verhindern. Manifest für ein egalitäres Europa, Hamburg: Edition Nautilus 2013. Link zum Buch auf der Verlagsseite

 

Karl Heinz Roth, Die globale Krise, Hamburg: VSA Verlag 2009. Link zur VerlagsseiteInhalt und Leseprobe auf der Verlagsseite

 

 

Aktueller Schwerpunkt:

Das Multiversum: Globale Proletarisierung - Gegenperspektiven (Karl Heinz Roth)

 

 

 

 

IG Farben - IG Auschwitz

 

(Karl Heinz Roth / Florian Schmaltz)

Die Jahre 2024 und 2025 standen ganz im Zeichen einer nochmals intensivierten Suche nach den Überlieferungen zur Vorgeschichte, Geschichte und zu den Nachwirkungen des I.G. Farben-Werks Auschwitz, des größten und folgenreichsten Investitionsvorhabens des Chemie-Trusts während des Zweiten Weltkriegs. Weitere Quellenfunde bestärkten uns in der Hoffnung, die Baugeschichte von I.G. Auschwitz in allen wesentlichen Aspekten – Arbeitsverhältnisse, Lager für verschiedene Gruppen von Arbeitskräften, Werkssiedlung und Werks-KZ Monowitz, Chemietechnologie, das Ineinandergreifen der Produktionssparten, das Leitungspersonal und die Rolle des Werks innerhalb des SS-„Interessengebiets Auschwitz“ rekonstruieren zu können. Dies gelang jedoch noch immer nicht abschließend. Gleichwohl lokalisierte Florian Schmaltz in dem im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden überlieferten Bestand der I.G. Farbenindustrie in Liquidation eine Aktenserie zu den „Abwicklungsstellen“ der I.G.-Werke Auschwitz und Heydebreck, die wichtige Einblicke in die Abläufe der Baugeschichte, die stufenweise Inbetriebnahme von Werksteilen und das Personal der Bauleitung eröffnen. Zusätzlich konnten schon vorhandene Teilbestände vervollständigt werden, so etwa die Überlieferungen des von I.G. Auschwitz betriebenen Kohlenbergwerks „Fürstengrube“ und des dortigen KZ-Außenlagers. Einen neuen Fund stellt die Werkszeitung der I.G. Auschwitz dar, die als Lokalausgabe der Zeitschrift „Von Werk zu Werk“ von 1942 bis Oktober 1944 erschien. Die Werkszeitung der I.G. Auschwitz ist im Bayer-Archiv Leverkusen unvollständig überliefert. Die Lücken konnten durch eine komplementäre Überlieferung im BASF-Archiv vollständig geschlossen werden. Die an die deutsche Stammbelegschaft kostenlos verteilte Werkszeitung enthält neben bislang unbekanntem Fotomaterial des Werks unter anderem Berichte über die Zwangsaussiedlungen der jüdischen und polnischen Einwohner aus Auschwitz, deren Wohnungen von I.G. Farben-Angestellten übernommen wurden. Reportagen über Besuche politischer Funktionsträger des NS-Regimes sowie Kultur- und Sportveranstaltungen der Sozialabteilung der I.G. Auschwitz und der Deutschen Arbeitsfront bieten Einblicke in den Betriebsalltag der deutschen Zivilbelegschaft des in Nachbarschaft zu dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gelegenen Werks.

Auch die Kooperation mit den Arolsen Archives machte gute Fortschritte (vgl. den Tätigkeitsbericht 2022/23). Die mit der Archivleitung vereinbarte Digitalisierung der Mikrofilme des Arbeitsamts Auschwitz war im März 2024 abgeschlossen. Wir erhielten die etwa 140.000 Blatt umfassende Reproduktion als Festplatte und erarbeiteten anschließend ein mit der Leitung der Arolsen Archives abgesprochenes Erschließungskonzept. Es handelt sich dabei um die Karteikarten von etwa 60.000 zivilen Kontrakt- und Zwangsarbeitern, die dem I.G.-Werk und den übrigen im „Interessengebiet Auschwitz“ angesiedelten Unternehmen zugewiesen wurden. Sie werden durch Einzelfallakten, Belegschafts- und Personallisten sowie weitere Personalformulare ergänzt und eröffnen gemeinsam mit den statistischen Wochenberichten und der Werkszeitung einen recht genauen Blick auf die soziale und nationale Zusammensetzung der Belegschaft, in der alle Komponenten der unfreien Arbeit – Kontraktarbeiter, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – durch die eiserne Faust des I.G.-Managements zum Gesamtarbeiter zusammengefügt wurden.

Durch eine abschließende Recherche wurden die noch fehlenden Umfeld-Materialien erschlossen. Von besonderer Bedeutung ist die Digitalisierung der Akten des Technischen Ausschusses (TEA) der I.G. Farben, die original im Hoechst-Archiv vorliegen. Florian Schmaltz arbeitet seit Mai 2024 mit der Finkelstein-Stiftung der Bayer AG zusammen. Er wird sich bemühen, die Digitalisierung der relevanten TEA in die Wege zu leiten.

Auf dem Server der Stiftung für Sozialgeschichte wurde eine Cloud eingerichtet, die den in Bremen und Berlin lebenden Projektmitarbeitern einen gemeinsamen Zugriff auf die synchronisierte Datenbank der Digitalisate ermöglicht. Sie wird von Malte Heuer betreut. Nach Überwindung technischer Startschwierigkeiten funktioniert die Cloud reibungslos. Der Umfang der digitalisierten Dokumente reichte bis Ende 2025 bis an die Grenze von einem Terabyte heran.

  1. Hans Deichmann
  2. Projekte