Jens-Christian Wagner

Produktion des Todes.

Das KZ Mittelbau-Dora

Göttingen 2001, Wallstein Verlag, 688 S., EUR 49,00

Wer nach 1952 Walter Dornbergers (binnen sechs Jahren dreimal aufgelegtes) Buch "V 2 – Der Schuss ins Weltall" las, fand nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Zwangsarbeit die mehrfach erwähnte unterirdische Fertigungsanlage 'Mittelwerk' bei Nordhausen in Gang gehalten hatte: Erst beim Aufbau des Werks, anschliessend bei der Serienmontage der Kriegsrakete waren KZ-Häftlinge eingesetzt worden – Angehörige des Ende August 1943 eingerichteten Buchenwald-Aussenkommandos 'Dora' (vgl. schon Kogon 1946: 221), später ausgeweitet zum Lager 'Mittelbau'. Der im selben Jahr wie Dornbergers Memoiren veröffentlichte Bericht des deutschen 'Mittelbau-Dora'-Häftlings 21549 (Kochheim 1952) löste kein öffentliches Echo aus. Und in raumfahrtgeschichtlichen Darstellungen der 50er und 60er Jahre (Nogly 1958; Klee/Merk 1963; Ruland 1969) wurde die V 2-Fertigung durch Sklavenarbeit zwar erwähnt, jedoch verharmlost ("Die Arbeitsbedingungen unter der Erde waren ungünstig" – Klee/Merk 1963:61) oder an den Rand gerückt.

KZ-Häftlinge "arbeiteten nicht, um zu produzieren", schrieb Wolfgang Sofsky vor einem Jahrzehnt. "Sie arbeiteten, um zu sterben ... War für die SS die Arbeit ein Mittel der Schinderei, so nahm die Industrie den Tod der Häftlinge in Kauf, um die Produktion mit den geringsten Kosten zu erhöhen" (Sofsky 1990: 527/528). Sechs Kapitel, Einleitung und Schluss nicht gerechnet, hat Wagner dieser "Produktion des Todes" im Konzentrationslager 'Mittelbau-Dora' gewidmet: NS-Lagersystem und Zwangsarbeit (kulminierend in der Untertageverlagerung der Luft- und Raketenrüstung – auch dies eine "Produktion des Todes"); regionalgeschichtlicher Hintergrund (NS-Gesellschaft und Ausländereinsatz im Südharz); Herausbildung des Lagerkomplexes 'Mittelbau' im Zuge der Bauprojekte des Kammler-Stabs; Verwaltungsstruktur und SS-Terror; Existenzbedingungen der Häftlingsgruppen; gesellschaftliches Umfeld des Lagers.

Inspirierend mag der Aufbau der Monographie Isabell Sprengers (1996) über das Lager Gross-Rosen gewirkt haben, das ähnliche Entwicklungsphasen wie 'Mittelbau-Dora' (vom Sachsenhausener Nebenlager zum selbständigen KZ mit eigenem Aussenlagersystem) durchlaufen hat. Doch fällt Wagners Rückblick auf die regionale NS-Politik vor der Gründung des Aussenlagers 'Dora' erheblich detaillierter aus. Und wo Sprenger eher abwägend auf eine Mischung aus Propaganda, Einschüchterung, Vorbehalten und wirtschaftlicher Sorge verweist, die eine "relativ breite Akzeptanz (des Lagers Gross-Rosen) in der Bevölkerung" bewirkt habe (Sprenger 1996: 161), spitzt Wagner die Diagnose zu: Er räumt zwar die Existenz eines "breite(n) Spektrum(s)" von "Reaktionen in der Bevölkerung" ein (554), spricht aber dennoch von einer "Tätergesellschaft" (534 ff.) mit "weitgehender moralischer Indifferenz" der Mehrheit (560), in der die "Beteiligung an der Jagd auf flüchtige Häftlinge" nur "deutlichster Ausdruck" der "Erosion zivilisatorischer Werte" gewesen sei (545, 561).

In seiner Einleitung stuft Wagner vorangegangene Arbeiten zum KZ 'Mittelbau-Dora' als allenfalls "partielle ... Auseinandersetzung" ein. Auch jüngste Veröffentlichungen würden dem "Anspruch einer Gesamtdarstellung ... nicht gerecht" (20/21). Um sowohl diese Wertungen – die vom Verf. noch erheblich zugespitzt werden; vgl. unten – wie auch die Ergebnisse, zu denen sein eigenes Buch gelangt, angemessen beurteilen zu können, ist eine knappe Vergegenwärtigung der bisherigen Forschungen über 'Mittelbau-Dora' notwendig.

1970/71 erschienen erstmals zwei Überblicksdarstellungen in Aufsatz- bzw. Buchform. Die monographische Studie war offenkundig vom Peenemünde-Mythos nicht unbeeinflusst geblieben. Sie charakterisierte zwar die Periode des 'Mittelwerk'-Aufbaus zu Recht als "menschenmordend", wurde jedoch ansonsten nicht müde, das "gewaltige Projekt" der Fertigungsanlage bewundernd hervorzuheben – das "Rüstungswunder allerersten Ranges", "der Welt grösste unterirdische Fabrik", gar das "quirlende Leben tief im Berg" (Bornemann 1971: 11, 43, 66/67, 82). Derartige hagiographische Einlassungen fehlten in dem Aufsatz, den zuvor derselbe Autor gemeinsam mit dem späteren Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte verfasst hatte (Bornemann/Broszat 1970) – unter Einbeziehung der Ergebnisse einer Forschungsgruppe an der Humboldt-Universität (Demps/Dieckmann/Hochmuth/Pautz/Riese, Leitung: Bartel). Der Beitrag lenkte den Blick darauf, dass der Arbeitseinsatz zur Raketenmontage im 'Mittelwerk' lediglich die erste Etappe des Lagers 'Dora', als Aussenkommando des KZ Buchenwald, darstellte. Ab Frühjahr/Sommer 1944 folgte eine zweite Phase: die Ausweitung zum Lagerkomplex 'Mittelbau' durch Angliederung zahlreicher Nebenlager. Ziel bildete neben der Fortführung der Raketenfertigung die Realisierung weiterer industrieller Verlagerungsprojekte, besonders zur Jagdflugzeug- und Treibstoffproduktion. Das Fazit der Autoren lautete, dass binnen eineinhalb Jahren annähernd 60.000 Häftlinge den Lagerkomplex durchliefen, von denen mindestens ein Drittel ums Leben kam.

Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre setzte die systematische Auswertung relevanter Bestände des Bundesarchivs/Militärarchivs in Freiburg, der National Archives in Washington sowie weiterer Archive ein. Eine Anzahl in Österreich, (West-) Deutschland und den USA publizierter Aufsätze bzw. Monographien (Freund/Perz 1987; Freund 1989, 1996; Neufeld 1993, 1995; Eisfeld 1989, 1996) konzentrierte sich auf die Planungen der V 2-Serienfertigung durch KZ-Häftlinge, auf die Mitverantwortung der Peenemünder Raketenkonstrukteure für Ausarbeitung und Umsetzung dieser Pläne, auf die vielfältigen Verzahnungen Peenemündes mit dem 'Mittelwerk', mit 'Dora-Mittelbau' sowie weiteren KZs in Österreich und Süddeutschland. Den "kritischen Arbeiten" dieser Phase wirft Wagner vor, auch sie hätten "unter umgekehrten Vorzeichen ... den Mythos der V-Waffen bedien(t)", und er spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer "Dämonisierung" der Raketenwaffe (21). Die erwähnten Autoren haben jedoch nirgends einen Zweifel daran gelassen, dass die V 2 "das Produkt einer engstirnigen technologischen Vision war, die den strategischen Bankrott des Konzepts verschleierte" (Neufeld 1995: 52); dass der "Mythos einer 'Wunderwaffe' jeder ökonomischen und militärisch-strategischen Grundlage ... entbehrte" (Freund 1996: 61); dass schliesslich "der militärische Wert der Fernwaffen gleich null (war), ... die NS-Spitze (jedoch) selbst dem Wunschdenken verfiel, das sie zu verbreiten trachtete" (Eisfeld 1996: 143). Wagners Behauptung ist sachlich falsch.

Nicht minder problematisch verfährt der Autor bei seiner Beurteilung zweier jüngst publizierter Darstellungen des Lagers. Der Studie Neanders (1997) attestiert er, sie "widme ... sich hauptsächlich der Räumung des KZ Mittelbau im April 1945 und den 'Evakuierungsmärschen'" und könne darüber hinaus "kaum neuere Forschungsergebnisse vorlegen" (21). Neander brachte jedoch nicht nur die Veränderung des Lagers zu einem "Bau-KZ" (Neander 1997: 234) auf exakt denselben Nenner wie später Wagner (vgl. zu dessen Verwendung des Begriffs "Bau-KZ" bes. 13, 245, 288). Er entwarf auch bereits auf 40 Seiten ein Bild des Wirrwarrs sukzessiver Bauvorhaben der Untertageverlagerung bzw. Infrastrukturverbesserung (an erster Stelle der Jägerfertigung der Junkers-Werke – 'Unternehmen Mittelbau' – und der geplanten Helmetalbahn) wie des Geflechts von Aussenlagern, Arbeitskommandos und Baubrigaden, mit dem der 'Mittelraum' 1944/45 als Folge dieser Projekte überzogen wurde. Anders, als Wagner meint (22), hat nicht erst seine Studie, sondern schon Neander gezeigt (vgl. 226/227, 240/241), dass seit dem Frühjahr 1944 eine abnehmende Minderheit der Häftlinge bei der Raketenfertigung eingesetzt war.

Unterläßt Wagner bei seiner Kritik an Neander jeden Hinweis auf diese Teile der Arbeit, so hält er der Lagergeschichte des französischen Historikers und einstigen 'Mittelbau-Dora'-Häftlings André Sellier vor (21), sie bestehe "überwiegend aus kompilatorisch zusammengestellten Erinnerungsberichten überlebender (französischer) Häftlinge." Wie wäre in diesem Fall Eberhard Jäckel wohl zu dem Urteil gelangt, wer "die ganze Literatur zu den Konzentrationslagern überblicke(e)", könne nur feststellen, dass es sich bei Selliers Buch um ein "Meisterwerk" handle (Vorwort, in Sellier 2000: 10)? Sellier hat nicht bloss "überwiegend kompiliert", sondern er hat eine Struktur- und Entwicklungsanalyse des Lagers verfasst, deren systematischer Zugriff "von unten" allen bisherigen Darstellungen eine unerlässliche Dimension hinzufügt. Er hat zugleich unter Beweis gestellt, was ein solches, politische Gesamtzusammenhänge einbeziehendes, Konstruktionsprinzip zu leisten vermag.

Wagners Umgang mit den Arbeiten der 80er und 90er Jahre muss als ungewöhnlich und fehl am Platz bezeichnet werden. Seine eigene Leistung besteht zunächst einmal darin, dass er verstreute archivalische Bestände in einer Fülle herangezogen und ausgewertet hat (vgl. 22 ff.), die seiner Darstellung in dieser Hinsicht definitiven Charakter verleiht. Zweitens erschliesst er Neuland in doppelter Hinsicht: Er präsentiert eine Regionalanalyse nationalsozialistischer Aufrüstungs-, Zwangsarbeits- und Verfolgungspolitik, die der Etablierung des Lagerkomplexes (auch im Bewusstsein der Bevölkerung) gewissermassen vorgearbeitet hat, um dann, wie bereits erwähnt, Verhaltensformen und –motive dieser selben Bevölkerung gegenüber den KZ-Häftlingen zu untersuchen. Was er Neander als Mangel vorhält – sich mit Daniel Goldhagens Hypothesen nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben –, löst er allerdings selbst nicht ein (als Ansatzpunkt einer derartigen Diskussion, bezogen auf 'Mittelbau-Dora', vgl. Eisfeld, in Béon 1999: 287 ff.). Seine Ergebnisse legen zudem nahe, den von ihm verwendeten Begriff einer ubiquitären "Tätergesellschaft" gegenwärtig eher als heuristisches Instrument zu verstehen, weniger als definitive Kennzeichnung des gesamten Bevölkerungsumfeldes.

Drittens schliesslich hat Wagners sehr dicht, dabei gut lesbar geschriebenes Buch den Forschungsstand über das Lager zwar nirgends grundlegend korrigiert. Es hat ihn aber in vielfacher Hinsicht weiter differenziert, ergänzt oder mit schärferen Konturen versehen. Am meisten ist diese Präzisierung jenem Sachverhalt zugute gekommen, den Wagner im Originaltitel seiner Dissertation als den Zusammenhang von "Verlagerungswahn und Tod" bezeichnet. Plastischer als bisher belegt er den zunehmenden Realitätsverlust der NS-Dienststellen bei den "wahnwitzigen und zugleich mörderischen Bauprojekten" ab Frühjahr/Sommer 1944 (240), erst recht im Zuge der "grotesken ... Fiktion" einer Fernwaffen-Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau Anfang 1945 (274, 287). Klarer als zuvor tritt zu Tage, in welcher Vielzahl lokaler, regionaler, schliesslich über das gesamte Reichsgebiet vertreuter Zulieferbetriebe, Schachtunternehmen, Baufirmen KZ-Häftlinge für diesen Wahn ausgebeutet wurden, wie weit die "gesellschaftliche und wirtschaftliche Verankerung des KZ Mittelbau" folglich reichte (213, 386 ff.). Und in wahrhaft Furcht einflössender Weise wird deutlich, wie ungehemmt bei der schliesslichen Auflösung des Lagerkomplexes die "Gewaltentladung" (265), der "Tötungsrausch" (273) der SS – aber eben keineswegs nur der SS – gewütet haben. Auch für das KZ 'Mittelbau-Dora' galt, je näher das Kriegsende rückte, mit immer grauenvolleren Konsequenzen die von Wagner (340) zitierte Feststellung Wolfgang Sofskys: Die Täter "taten, was (sie) durften. Und (sie) durften alles."

Rainer Eisfeld