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Insa Eschebach/ Sigrid Jacobeit/ Silke Wenk (Hg.)

Gedächtnis und Geschlecht.

Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids

Frankfurt/M., Campus, 2002, 426 S., 29,90 EUR.

"Die Unschuld der Erinnerung ist verloren gegangen" – Jolande Withuis stellt in ihrem Beitrag zum o.g. Sammelband fest, dass weder individuelle, noch kollektive Gedächtnisse frei von Interpretationen der Realität sind. Eine internationale Tagung in der Mahn- und Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ravensbrück hatte sich dieser Dissonanz zwischen tatsächlichem Geschehen und Erinnerungsformen im Oktober 1999 gewidmet. Im Zentrum stand dabei die Frage nach dem Zusammenhang zwischen "Gedächtnis und Geschlecht" – welche Geschlechterkonstruktionen liegen dem Umgang mit der Geschichte der Konzentrationslager in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften zu Grunde und welche Effekte hat dies.
Diese Fragestellung eröffnete den Raum für zahlreiche hervorragende Beiträge für die seit nunmehr über 20 Jahre anhaltende Debatte, ob und welche Bedeutung die Kategorie "Geschlecht" in der Geschichte der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden hatte und wie dies in den Forschungskanon zu integrieren sei. Eine besondere Spannung besteht darin, dass sich die Beiträge aus unterschiedlichen Fachrichtungen auf Erinnerungen und Erinnerungslücken in verschiedenen Gesellschaften beziehen – die sozialistische der DDR, die der BRD, Österreichs und Hollands, aber auch diejenige Israels.

Die Virulenz von Geschlechterkonstruktionen- und ideologien hat insbesondere auf Seiten des Kollektivs der Täternachfahren zur Folge, dass der Nationalsozialismus und der NS-Genozid naturalisiert und enthistorisiert werden. Die Einschreibung der Geschichte in Geschlechterbilder von mütterlicher Solidarität und männlichem Heldentum, von feminisierter Trauer und weiblicher Hysterie betone schließlich, "was man gewesen sein will" (Wenk/Eschebach) – die Erinnerung ist durch das gefärbt, was der eigenen Entlastung dient. Erzählungen, Denkmäler und Rituale versuchen damit zweierlei: den Ausschluss der TäterInnen aus der Gesellschaft einerseits, die Re-Integration der Verfolgten und Opfer in die nationale Gemeinschaft andererseits. Auf diese Weise werden die Einzigartigkeit der Verbrechen und die großzügige Affirmation durch die Bevölkerung geleugnet.
In einer ausführlichen Einführung formulieren Silke Wenk und Insa Eschebach die Motivation, gebräuchliche Repräsentationsformen und homogenisierende Gedenkkulturen auf deren Auslassungen und Verschleierungen zu befragen. Gerade diese sympathische Distanzierung von der Verdrängungsmentalität wirft eine Reihe von Fragen auf, denen in vier Sektionen Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Fachrichtungen nachgehen.

Unter "Verleugnungen" wird die Abwehr von Realitäten bzw. Wahrnehmungen thematisiert, die das eigene Selbstverständnis in Frage stellen könnten. Der Ausschluss von Lagerbordellen (C. Wickert) und sexuellem Missbrauch von "Versteckten" und befreiten Häftlingen aus der Erinnerung (J. Withuis), aber auch die Abwertung sogenannter "asozialer" Häftlinge (C. Schikorra) stehen zu Beginn dieser Sektion zur Diskussion.
Ronit Lentin focussiert auf das distanzierte Verhältnis der israelischen Gesellschaft gegenüber den zerstörten und verletzten Körpern der Überlebenden, die nach der Befreiung in Israel eintrafen. Einer Feminisierung der Shoah stehe ein maskulinisiertes zionistisches Narrativ der Nation gegenüber, in das die vorgeblich "passiven" Opfer nicht hineinpassten. Lentin stellt die Unfähigkeit, die Erfahrung der Vernichtung im Holocaust zu erfassen und anzuerkennen, in den Kontext der Konstruktion von Nationalstaaten. Dabei gilt das biologische Geschlecht als Platzanweiser für symbolische Aufgaben im Dienste des Nationalkollektivs. Durch die Verknüpfung von Feminität und Reproduktivität steht die Zukunft des israelischen Kollektivs in Frage, wenn die mit dem Makel der Feindesberührung belasteten Menschen ins Blickfeld geraten.

Fetische als Bestandteil von Verleugnungen werden im Folgenden thematisiert. Der Begriff der "Sakralisierung" beschreibt den Versuch, den gewaltsamen Tod unzähliger Menschen zum Heiligtum zu erklären und somit in eine vollständige Geschichte einzuschreiben, das Beschädigte zu re-integrieren. Diese Konnotationen finden sich nicht nur in kirchlichen Legenden (C. Jaiser), sondern kennzeichneten auch die Gedenkkultur der DDR (I. Eschebach). Isabelle Freda dechiffriert Ronald Reagans Besuch in Bitburg als Versuch, Anne Frank im Kampf gegen den Totalitarismus und damit für den Kalten Krieg gegen den Kommunismus zu vereinnahmen.
Am Beispiel der in der Gedenkstätte Ravensbrück aufgestellten Skulptur "Die Tragende" zeigt Susanne Lamwerd das Missverhältnis von Erinnerungsanspruch und -verweigerung. Sie sieht in der genannten und anderen Denkmalfiguren Muster der christlichen Bildformel der Pietá zitiert, die im Offenbarungsmotiv Leiden als etwas allgemein Menschliches, Übergeschichtliches erscheinen lässt.

Als theoretischer Rahmen der Sektion "Sexualisierungen" könnte Silke Wenks Anknüpfung an Foucaults These, Sexualität sei in der Moderne zum Universalschlüssel und zur Universalchiffre geworden, gelten. Eine Seite dessen ist die Hysterisierung der Frauen, wie sie Alexandra Przyrembel und Julia Duesterberg anhand der Prozesse gegen die KZ-Aufseherin Dorothea Binz bzw. Kommandantenehefrau Ilse Koch aufzeigen. Neben der Lust am Wissen steht der Versuch, sich vom Erkannten zu distanzieren, es außerhalb der Norm zu stellen. Die "sensationelle Distanz zum Normalmenschen" (Duesterberg) ist somit eine der "Entlastungsphantasien" (Przyrembel), die die TäterInnen außerhalb der Volksgemeinschaft stellen und diese für schuldunfähig erklären.
Marianne Hirsch analysiert die künstlerische Verarbeitung von Bildern der Vernichtung und erkennt, dass die Schaffung dichotomischer Geschlechterbilder als Mittel der Rekonstruktion zerstörter Normalität dient. Die von ihr vorgetragene Analyse zur weiten Verbreitung des Fotos vom "Warschauer Ghettojungen" hätte allerdings erweitert werden können. Wenn sich die Behauptungen bestätigen, das Bild sei außerhalb des Ghettogeländes inszeniert worden, müssten wir zuerst nach der Intention dieser Fotografie fragen. Dann ging es den Tätern wahrscheinlich darum, die Opfer auch als passive Opfer darzustellen, obwohl sie es gerade nicht waren während des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April 1943. Auf eine solche Grundlage gestützt, wäre der Bezugspunkt der KünstlerInnen doppelt fatal, weil sie sich dann auf etwas stützen würden, was man sich anders eben nicht vorstellen kann. Oder will.

Die Umbesetzung psychischer Energien vor allem bei Überlebenden der Verfolgung steht im Mittelpunkt der Texte in der Sektion "Verschiebungen". Die Rekonstruktion tradierter Geschlechterverhältnisse nach dem Bruch der Geschichte zeigt sich dabei an sozialem Handeln ebenso wie an figürlichen Denkmälern. Die hohe Bewertung von Mutterschaft unter jüdischen Displaced Persons wertet Atina Grossmann als bewusst gesetzten Gegenpol zur Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Judith Tydor Baumel findet dieses Motiv ebenso in zahlreichen israelischen Shoah-Denkmälern.
Die Repräsentation von Männlichkeit als erinnerungsstrukturierendes Moment steht im Zentrum der beiden letzten Beiträge. Kathrin Hoffmann-Curtius konstatiert Denkmälern in der BRD, DDR und Österreich den erfolgreichen Versuch, die feminisierte Repräsentation von Trauer an den Rand zu drängen, männliche Figuren als Verkörperung von Siegesstreben und Zukunftsgewandtheit dagegen in den Vordergrund zu stellen. Die Verschränkung von männlicher Autorschaft und Verdrängungswunsch zeigt Corinna Tomberger anhand des Diskurses um den Künstler Jochen Gerz.
Bei der Auswertung der Zeugnisse von Überlebenden, die in verschiedenen Zeitabschnitten entstanden sind, stellt Irith Dublon-Knebel deutliche Verschiebungen in der Erzählstruktur, in der Wahrnehmung und Anerkennung der Erzählungen fest. Die Verschiebungen im Erzählten und im Verhältnis der Erzählenden zum Erzählen seien jedoch lange Zeit konterkariert worden durch die Unfähigkeit der RezipientInnen, die unterschiedlichen Formen zu erkennen und sie zu respektieren.

Dublon-Knebels Beitrag fällt etwas aus der Reihe, da hier nicht vordergründig die Frage nach der Bedeutung von Geschlecht gestellt wird. Dagegen kommt ihm das Verdienst zu, einer der wenigen Texte im Sammelband zu sein, in dem die Erinnerungsmodi der Verfolgten reflektiert werden. Zudem weist er darauf hin, wo sich Recherchen anschließen könnten. So wäre beispielsweise danach zu fragen, welche Geschlechterideologien und –konstruktionen den Erinnerungen der Überlebenden zu Grunde liegen: was wird wie von wem erinnert. Erweitert werden müssen die Reflektionen des Gedächtnisses auch in geographischer Hinsicht – so sind da, wo die zu befreiende Mutter Wolga und der befreiende Sowjetsoldat die Rhetorik prägen, Erinnerungen in jedem Falle gendered.

Insgesamt ist der Tagungsband ein äußerst bereicherndes Angebot zur Reflektion über eigene Wahrnehmungen und Positionierungen im Kollektiv der Nachkommenden, und über zu stellende Fragen.

Anika Walke, Oldenburg

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