Udo Lindenberg

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste aus Hamburg, lieber Udo,

wir freuen uns sehr, dich heute hier in diesem schönen alten Saal mit dem Friedens- und Kulturpreis der Villa Ichon ehren zu dürfen.

Wir ehren mit dir einen Menschen, der von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ist, der mit seiner Kunst und seinen Talenten sich einsetzt für ein menschliches Miteinander, für Frieden und Gerechtigkeit, für Anerkennung und Respekt, und der bis heute, und in den letzten Jahren verstärkt, gegen die alten und neuen Nazis kämpft.

Seit mehr als 30 Jahren steht Udo Lindenberg auf der Bühne, und von Anfang an sind seine Lieder von politischer und sozialer Kraft.
Wie macht er das? Udo erzählt Geschichten aus dem ganz normalen Leben, traurige und lustige, normale und verrückte, aber sie sind immer ganz nah am den zentralen menschlichen Befindlichkeiten.
Er kennt die Träume und Sehnsüchte, die Erfolge und die Niederlagen. Und wir können uns in diesen Geschichten selbst erkennen.
Und er weiß von den Gefährdungen. So heißt es in einem frühen Song,
ich kürze:
"Es gibts nichts zu tun in der toten Stadt,
Leere Fabriken, wo keiner Arbeit hat.

Er hängt den ganzen Tag rum, gehört nirgendwo hin.
Eins ist ihm klar: Alles läuft ohne ihn.
Da will er wenigstens Fan sein vom Fußballverein,
wenigstens stolz darauf, ein Deutscher zu sein.

Und gegen Ausländer sein, ist auch schon mal was.
Endlich weiß er, wohin mit all seinem Haß.

Vom Opfer zum Täter ist's 'n kleiner Schritt.
Noch gestern ein Nichts und heut' marschierst Du mit.
Bist 'n armes Kind - bist 'n dummes Kind.
Jetzt stolperst Du mit im braunen Wind."

Aber es sind nicht nur die politischen Texte, die politisch sind. Auch und gerade die Liebeslieder haben menschenfreundliche Kraft. Wer so liebt, wie Udo es besingt, der tötet keine Menschen, nur weil sie anders sind.

Udo, deine Botschaften sind konkret und kritisch, mutmachend und aufbauend, Grenzen setzend und überschreitend,
aber immer respektvoll, anerkennend und wertschätzend.
Dafür danken wir dir.

Als ich am Sonntag am Schreibtisch saß, um diese Rede vorzubereiten, wusste ich nicht, wo anfangen und wo aufhören.
Dann kam mir eine Idee. Ich schrieb an Freundinnen und Bekannte, lud sie für heute ein und bat sie: sagt bitte kurz und knapp, was Udo euch bedeutet, was ihr von ihm kennt und was ihr von ihm hält.

Viele haben geantwortet.
Zum Beispiel Uli Simon, dieser großartige Musiker aus Chile, er schreibt:
als ich zum ersten mal nach 17 Jahre Exil in Deutschland mit meiner Familie nach Chile flogen, überquerten wir die Atacama Wüste. Meine Kinder sangen lauthals die Lieder Udos. Seine Kassetten begleiteten uns die ganze Reise. Auch mein zweiter Bruder Kaly, der in Valparaíso lebt, hört noch heute am liebsten Udo Lindenberg. Wie Du siehst, wie haben eine enge Verbundenheit und deswegen kommen wir sehr, sehr gerne. Brigitte , Elisa und Ulli

Viele schreiben, dass sie beim Udo-Hören immer wieder gute und schöne Gefühle bekommen. Und mit dem Wort Gefühl bin ich bei einem zentralen Punkt, der Udo Lindenbergs Wirkung ausmacht.
Er ist in der Welt der Gefühle zu Hause.

Udo ist ein Mensch, der stark fühlt, der bei anderen Gefühle erzeugt, mit ihnen spielt, sie trotzdem ernst nimmt, der vor allem aber den Gefühlen eine Richtung gibt, eine Richtung hin zur Menschlichkeit.

Gefühle haben mehr Macht über die Menschen als Verstand und Vernunft. Gerade haben wir das Ende jener 12 Jahre gefeiert, die für so viele wegen des Grauens wie tausend waren. Hitler und die Nazis konnten deshalb so mächtig werden, weil sie die Gefühle so vieler Menschen erreichten, die sie dann missbrauchen konnten.

Die Demokraten damals haben die Macht der Gefühle unterschätzt. Ja sie haben oft mit ihrer gefühlsarmen Argumentation und ihrem kalten Denken die Verzweifelten erst zu den Nazis gestoßen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, besonders dann, wenn er keins hat.
Es gibt menschenfreundliche Emotionen und menschenfeindliche. Zu den gefährlichsten gehören Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus, der Hass auf die "anderen". Und auch heute gehen die Rechten wieder mit diesen negativen Gefühlen auf Stimmenfang.



Menschenfreundliche Gefühle wie der Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft, nach Abschaffung von Hunger und Ausbeutung,
die Sehnsucht nach einer brüderlichen Gesellschaft, der Traum von selbstbewussten und freien Menschen, sie sind die Alternative zur Menschenfeindlichkeit. Und sie sind das Anliegen von Udos Liedern und seiner Musik.

Wir leben in panischen Zeiten, in Zeiten des Umbruchs und schwindenden Wohlstands, die bei vielen Ängste auslösen. Und gerade deshalb brauchen wir Haltungen und Visionen, die im guten Sinn die Gefühle der Menschen ansprechen und sie damit für die gute Sache gewinnen. Dafür ist Udos Kunst unverzichtbar.

Udo Lindenberg verkörpert eine Kultur, die sich einmischt, die nicht gleichgültig ist, die verändern will. Und dieser Einmischen gewinnt seine Kraft aus der Perspektive der Befreiung, aus dem Stachel des Widerstands, aus dem Wunsch, Not und Angst zu überwinden.
Diese Kultur ist Widerstand gegen ein falsches Leben. Sie wendet sich dem Menschen zu, bezieht ihn ein, stärkt seine Würde. Sie enthält die Botschaft: wir brauchen dich, du bist unverzichtbar.

Udos Menschenfreundlichkeit gründet in seiner Begabung für Freundschaft. Das Gefühl für Freundschaft hat seine Wurzeln in der Kindheit, wie alles, was mit Gefühlen verbunden ist. Und auch die Fähigkeit, Gefühle zu leben, wird in frühen Zeiten erworben.

Habe ich Udo damit kindlich und jugendlich genannt? Ja natürlich.
Und ich mache ihm damit ein Kompliment. Denn es gibt keine schöpferische Qualität des Menschen ohne ein Maß der Kindlichkeit, ohne die Schöpferkraft der Naivität.

Die Begabung für Freundschaft und Begeisterung verlangt Unruhe.
Sie will und braucht Beweglichkeit und Offenheit für anderes und andere.

Das Anderssein ist für Udo Lindenberg eine zentrale Erfahrung und ein entscheidender Wert. Der Andere hat viele Namen und viele Gesichter. Er ist oft Opfer. Manchmal trägt er die Hoffnung wie ein flackerndes Licht schützend in den verdeckenden Händen. Jeder kann der Andere des Anderen sein.

Der triumphale Satz: Alle Menschen sind gleich! ist falsch, wörtlich genommen ist er eine Irreführung. Der erste Grundsatz der Gesellschaft müßte heißen: Alle Menschen sind ungleich! Es ist ihr Grundrecht, ungleich zu sein.
In ihrer Ungleichheit, ihrer Verschiedenheit liegt eine Hoffnung der Menschheit. Udo singt diese Wahrheit in fast allen seinen Liedern.

Lieber Udo, Bremen verdankt seinen weltweiten Ruf vor allem vier Persönlichkeiten, die dir nahe stehen. Sie lassen dich herzlich grüßen und beglückwünschen dich. Es sind die Bremer Stadtmusikanten.

Du kennst die Geschichte: Der Esel wurde ausgemustert, weil seine Kräfte nachließen. Sein Herr hatte Böses mit ihm im Sinn, und der Esel machte sich auf den Weg nach Bremen, um hier Stadtmusikant zu werden. Unterwegs traf er den Jagdhund, der gleichfalls wegen seines Alters in Ungnade gefallen war. Er wusste: nur durch Flucht konnte er sein Leben retten. Der Esel überzeugte ihn von seiner Idee, ein Panik-Orchester zu gründen, und die beiden zogen zusammen weiter.
Dann trafen sie die Katze, deren Zähne stumpf geworden waren und die deshalb ersäuft werden sollte. Natürlich verliebte diese sich sofort in den Hund und kam auch mit. Dann stießen die drei noch auf den Hahn, der für die Suppe gedacht war. Zu ihm sprach der Esel den berühmten Satz: Komm mit. "Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall."

Diese vier komponierten und musizierten zusammen. Und mit ihrer Dröhnland-Symphonie waren sie so erfolgreich, dass sie alle Räuber, alle jungen und alten Nazis, die das Land ausplünderten und die Menschenherzen vergifteten, verjagten und für immer vertrieben.

Diese vier, die abgeschrieben waren, für wertlos erklärt, sie haben durch ihren Mut, ihren Widerstand und ihr musikalisches Talent ein wunderbares Beispiel dafür gegeben, dass jedes Lebewesen eine Würde besitzt, wichtig ist und gebraucht wird.

Lieber Udo, wir wissen, dass du ganz im Sinn der Stadtmusikanten wirkst. Und deshalb bitten wir dich von Herzen, unser fünfter Bremer Stadtmusikant zu werden.

Nochmals herzlichen Glückwunsch und Danke für Dein Kommen.