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Karl Heinz Roth / Angelika Ebbinghaus (Hrsg.)

Rote Kapellen - Kreisauer Kreise - Schwarze Kapellen

Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945

296 Seiten, mit einem Fototeil
EUR 18.00, sFr 32.10, ISBN 3-89965-087-5

In diesem Buch wird nachgewiesen, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus (anlässlich des 60 Jahrestages des 20. Juli 1944 breit diskutiert) in allen Gesellschaftsschichten verankert war - aber überall nur als Minderheit.

Inhalt

Dieses Buch bietet neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur. Karl Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus beschreiben den langen Weg zum bürgerlichen Widerstand und wie schwer sich die militärische und zivile Opposition damit tat, sich zu einer kompromisslosen Gegnerschaft zum NS-Regime durchzuringen. Wohingegen, so Ludwig Eiber, Widerstand aus den Reihen der Unterschichten, der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung von Anbeginn der NS-Diktatur existierte. Ein besonderer Spannungsbogen ergibt sich zwischen den Aussagen der Zeitzeugen wie Angehörigen und der historischen Analyse. Stefan Roloff und Hartmut Schulze-Boysen dekonstruieren den Mythos "Rote Kapelle", und Freya von Moltke beantwortet Fragen zu der von Anfang an europäisch und basisdemokratisch orientierten Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis".

Vorwort (Leseprobe)

I. Schwarze Kapellen: Der lange Weg zum bürgerlichen Widerstand

  • Karl Heinz Roth
    Der 20. Juli 1944 und seine Vorgeschichte
  • Eine Katastrophe im Juli
  • Jahre der Koalition: 1933-1937
  • Der strategische Dissens von 1937/38
  • Die Entstehung der bürgerlichen Opposition im ersten Kriegsjahr
  • Konzeptionelle Klärungsprozesse
  • Angelika Ebbinghaus
    Neue Initiativen: Der Kreisauer Kreis
  • Karl Heinz Roth
    Von der Offiziersopposition zur Aktionsgruppe des 20. Juli 1944
  • Die Entstehung der Offiziersopposition
  • Die Hypothek der Kriegsverbrechen und der Militärjustiz
  • Umsturzplanungen seit dem Sommer 1943
  • Vor dem Abgrund: Die Aktionsgruppe Stauffenberg-Leber-Yorck-Hofacker und ihre Kontrahenten

II. Die Geschichte des Widerstands als Erinnerung: Angehörige und Zeitzeugen

  • Stefan Roloff
    Die Entstehung der Roten Kapelle und die Verzerrung ihrer Geschichte im Kalten Krieg
  • Die Zeit des Nachkriegs
  • Stefan Roloff im Gespräch mit Hartmut Schulze-Boysen
  • Der Kreisauer Kreis - ein bemerkenswerter Widerstandskreis
    Freya von Moltke antwortet Angelika Ebbinghaus
  • Dokument: Marion Yorck von Wartenburg und Freya von Moltke
    Erster Bericht über den Kreisauer Kreis aus dem Jahr 1945

III. Der Widerstand "von unten"

  • Ludwig Eiber
    Widerstand der "kleinen Leute" 1938/1939 bis 1945
  • Rahmenbedingungen des Widerstands zwischen 1938/39 und 1945
  • Widerstand und Widersetzlichkeit aus den Arbeitermilieus
  • Arbeiteropposition in den Betrieben - Widerstand im Krieg
  • Der Jugendwiderstand
  • Widersetzlichkeit und Widerstand von Frauen
  • Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
  • Jüdischer Widerstand
  • Hinweise zur Bibliographie
  • Zu den Autorinnen und Autoren
  • Personenregister

Autorinnen und Autoren

Angelika Ebbinghaus, Dr. phil. Dipl. Psych., Historikerin und Psychologische Psychotherapeutin, Vorstand der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Bremen), Mitherausgeberin der Zeitschrift Sozial.Geschichte, Veröffentlichungen zur Frauengeschichte, NS- und Medizingeschichte.

Ludwig Eiber, Dr. phil. habil., Historiker (München), Haus der Bayerischen Geschichte (Augsburg), Veröffentlichungen zu Arbeiterwiderstand und Arbeiterbewegung.

Freya von Moltke, geb. Deichmann, Dr. jur., heiratete im Oktober 1931 Helmuth James von Moltke, mit dem sie zwei Kinder hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg Emigration nach Südafrika und anschließend in die USA, lebt in Vermont. Zahlreiche Veröffentlichungen, Quelleneditionen und Interviews zur Geschichte des Kreisauer Kreises.

Stefan Roloff, Maler und Filmemacher, Sohn des Roten Kapelle Angehörigen Helmut Roloff, lebt in New York.

Karl Heinz Roth, Dr. phil. Dr. med., Historiker, Mitarbeiter der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und Mitherausgeber der Zeitschrift Sozial.Geschichte, lebt in Bremen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozial-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts sowie zu Methodenfragen der historischen Forschung.

Hartmut Schulze-Boysen, studierte Volkswirtschaft in Freiburg i.Br., Botschafter a.D., war von 1950 bis 1987 im deutschen Auswärtigen Dienst, zuletzt als Botschafter in Bukarest, Bruder des Rote Kapelle Angehörigen Harro Schulze-Boysen, lebt heute in Bonn

Vorwort

Seit drei Jahrzehnten beschäftigen wir uns mit der Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur. Dabei hatten wir aber nie das gesamte Spektrum im Blick, sondern setzten uns fast ausschließlich mit dem Widerstand der Unterschichten und den gegen sie gerichteten Repressionen auseinander. Dass eine deutliche Minderheit der Lohnabhängigen und Zwangsarbeiter auch nach dem Untergang der organisierten Arbeiterbewegung die Zumutungen des Regimes keineswegs widerstandslos hingenommen hatte, machte uns neugierig. Der bürgerliche Widerstand und seine Überhöhung zu einem legitimationsstiftenden nationalen Mythos durch die konservative Geschichtspolitik beschäftigte uns hingegen nur am Rande. Wir lehnten seine Verzeichnungen genauso ab wie die der DDR-Historiographie, die den Arbeiterwiderstand so gut wie vollständig der Exilleitung der Kommunistischen Partei gutschrieb. Letzterer gegenüber gingen wir kritisch auf Distanz, aber eine historisch-analytische Dekonstruktion des bürgerlichen Widerstandsmythos hielten wir für unwichtig.Im Umkreis der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts wurde unsere thematische Beschränkung in den letzten Jahren nicht mehr verstanden, zumal sich in der Widerstandsforschung seit dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Aufbruch vollzog. Diesseits wie jenseits des geschleiften Eisernen Vorhangs haben die alten Legitimationszwänge und Frontstellungen an Überzeugungskraft verloren. Es ist möglich geworden, mit professioneller Unbefangenheit neu an das Thema heranzugehen, ohne dafür gleich politisch abgestraft und wissenschaftlich marginalisiert zu werden. Nach der Überwindung der bisherigen antikommunistischen wie antiimperialistischen Normierungen war der Weg zu neuen Erkenntnissen offen, und entsprechend überraschend sind manche der seither erhobenen Befunde. Beispielsweise war die "Rote Kapelle" keineswegs ein Spionagenetz des sowjetischen Militärgeheimdiensts, sondern ein Zusammenschluss widerständiger Freundeskreise, der das gesamte soziale Spektrum der Gesellschaft spiegelte und in Sachen "Landesverrat" an die "Schwarzen Kapellen" der Wehrmacht-Abwehr lange nicht heranreichte. Und für die Exponenten des 1942/43 reaktivierten kommunistischen Widerstands stand außer Frage, dass sie allein und unabhängig von der Moskauer Exilgruppe über ihre politischen Perspektiven entschieden. Wie aber stand es um den bürgerlichen Widerstand? Waren nicht auch in diesem Bereich der Widerstandsgeschichte neue Ergebnisse und Sichtweisen zu erwarten, wenn man die Geschichtslegenden hinter sich ließ und sich mit dem handwerklichen Rüstzeug der historischen Analyse an die Arbeit machte?Im vorliegenden Buch haben wir versucht, diesen drei zentralen Aspekten des neuen Aufbruchs gerecht zu werden. Ludwig Eiber hat die neuen Forschungsergebnisse über den Widerstand der kleinen Leute in einem Überblicksessay zusammengefasst. Stefan Roloff hat aus der Perspektive des mittelbar Betroffenen - er ist Sohn des Pianisten und Angehörigen der "Roten Kapelle" Helmut Roloff - einen Bericht über die Geschichte der "Roten Kapelle" und ihre Deformierung während des Kalten Kriegs beigesteuert. Zusätzlich verdanken wir ihm ein aufschlussreiches Interview mit Hartmut Schulze-Boysen, dem Bruder Harro Schulze-Boysens. Wir selbst haben die Hinweise unserer Freunde ernst genommen und uns einen Überblick über die langen Wege verschafft, die die bürgerliche Opposition seit 1937/38 zurücklegte, bis im Herbst 1943 eine handlungsbereite Widerstandsgruppe entstand.Als wir die Ergebnisse dieser drei Arbeitsschwerpunkte miteinander verglichen, waren wir über einige Gemeinsamkeiten überrascht. Wir finden es erstaunlich, dass alle Strömungen des deutschen Widerstands seit dem Vorabend des zweiten Weltkriegs trotz ihrer großen sozialen Unterschiede aus informellen Netzwerken bestanden, deren Zusammenhalt vor allem durch verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen geprägt war. Es handelte sich um die noch intakten Lebenszusammenhänge der Gesellschaft, in die der Faschismus noch nicht eingedrungen war: Die proletarischen Milieus der Arbeiterwohnviertel, die großstädtische Kulturszene und die Enklaven des Bürgertums, die vor allem durch den niederen Adel, die bildungsbürgerlichen Lebenssphären und die höhere Beamtenschaft geprägt waren. Helmuth von Moltke, die Lichtgestalt des bürgerlichen Widerstands, brachte diese freundschaftlich-verwandtschaftlichen Netzwerke als "kleine Gemeinschaften" auf den Begriff und wies ihnen eine entscheidende Rolle beim demokratischen Neubeginn nach dem Untergang der NS-Diktatur zu. Sie waren - zu unserer nicht geringen Überraschung - als Basis des Widerstands in allen Gesellschaftsschichten vorhanden und bildeten eine Art klassenübergreifende "Volksbewegung" (Carlo Mierendorff) gegen die NS-Diktatur.Aber diese Netzwerke waren nur in einer kleinen Minderheit der deutschen Gesellschaft verankert. In allen Schichten gehörten höchstens zehn Prozent der Bevölkerung zu den sie tragenden sozialen Milieus. Darüber hinaus waren sie zunehmend den Folgen der sich radikalisierenden Kriegführung unterworfen: Dem barbarischen und verlustreichen Mehrfrontenkrieg sowie dem strategischen Luftkrieg der Westalliierten gegen die Großstädte und die Wirtschaftszentren. Dadurch verlagerten sich einerseits die Widerstandsspektren zunehmend in die Armee, und andererseits wurde es immer schwieriger, die Komunikationsstrukturen aufrechtzuerhalten. Aber auch eine weitere Gemeinsamkeit des Widerstandsverhaltens lässt sich aus dieser schichtenübergreifenden Erfahrung erklären: Die erstaunliche Gewaltlosigkeit des deutschen Widerstands. Die Welt, in der sich die Exponenten der widerständigen Netzwerke bewegten, war voller Gewalttätigkeit, Brutalität und starrte vor Waffen. Die Barbarei der NS-Diktatur und die Brutalisierung des Alltags machten es offenbar schwer, die bewaffnete Gegengewalt in die Widerstandsperspektive zu integrieren. Erst die Aktionsgruppe des 20. Juli 1944 durchbrach im Herbst 1943 diese Barriere erneut, nachdem der Einzeltäter Georg Elser im November 1939 gescheitert war. Ansonsten unterschieden sich die Verhaltensweisen der kommunistischen Untergrundgruppen in der Gewaltfrage nicht von denjenigen des bürgerlichen Widerstands.Die europäischen Widerstandsbewegungen hatten diese Probleme nicht und schlugen ganz andere Wege ein. Unter ihnen befanden sich auch mehrere Tausend desertierte deutsche Soldaten, die in die Armeen der Alliierten und die Partisanenbewegungen übergewechselt waren. Es gab aber auch bedeutsame Unterschiede zwischen dem Widerstand der Unterschichten und des Bürgertums. Den wichtigsten sehen wir in der Ungleichzeitigkeit seiner Entstehung. Der antifaschistische Widerstand der Unterschichten existierte von Anbeginn der NS-Diktatur. Er verlor erst 1937/38 seine organisatorischen Verankerungen und fächerte sich danach in viele Netzwerke auf. Er wurde während des Kriegs vor allem von Jugendlichen, Frauen, einfachen Soldaten sowie Fremd- und Zwangsarbeitern unterstützt und war in den unterschiedlichsten Gruppierungen präsent: Bei den Deserteuren und "Wehrkraftzersetzern", in den "wilden Cliquen" und den Helferkreisen der untergetauchten Juden, bei den Untergrundgruppen der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, aber auch bei den Zeugen Jehovas. Dabei gab es hin zu den Mittelschichten und den eher konservativen Strömungen des Bildungsbürgertums fließende Übergänge, zu denen vor allem die "Rote Kapelle" gehörte, die sich für ein Bündnis der Arbeiter und Soldaten mit der Intelligenzschicht zum Sturz des Regimes einsetzte. Die bürgerliche Opposition entstand hingegen sehr viel später. Sie war durch die Hypothek des Bündnisses belastet, das die traditionellen Führungsschichten und die Funktionseliten der Gesellschaft 1932/33 mit der Führung der NS-Bewegung eingegangen waren. Erst 1937/38 begannen sich einige Exponenten der Koalition des "nationalen Aufbruchs" daraus zu lösen. Sie blieben aber auch jetzt noch lange im Zustand einer regime-loyalen Opposition befangen. Die Hassell-Popitz-Gruppe und die Freiburger Kreise verstanden sich bis zuletzt als obrigkeitsstaatliche Variante des Herrschaftssystems. Der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreis strebte ein autoritäres Regime an, das am Modell der Präsidialkabinette orientiert war. Erst der Kreisauer Kreis gab seit 1943 die entscheidenden Impulse zu einer Perspektive der demokratischen Erneuerung. Das war nur möglich, weil in ihm seit 1940 Menschen zusammenarbeiteten, die sich nie mit der NS-Diktatur gemein gemacht hatten und mit großem Engagement um eine Perspektive jenseits der nationalen Machtstaatlichkeit rangen. Ohne ihn wäre die im Herbst 1943 erfolgte Konstituierung der militärisch-zivilen Aktionsgruppe des 20. Juli 1944 so nicht möglich gewesen. Zu ihr konnte nun auch die Offiziersopposition aufschließen, die sich nach dem Scheitern der Blitzkriegsstrategie formiert hatte. Hier waren es vor allem die jüngeren Stabsoffiziere, die trotz ihrer vielfältigen Verstrickungen in die Wehrmachtverbrechen zu einem politischen Bruch bereit waren und sich mit den Exponenten des Kreisauer Kreises auf einen Waffenstillstand an allen Fronten, auf eine demokratische Mitte-Links-Regierung und eine breite "Volksbewegung" unter Einschluss der Linkssozialisten und Kommunisten verständigten. Trotzdem blieben die Chancen des Umsturzes gering. Die Kluft zwischen der Offiziersopposition und den einfachen Soldaten konnte nie überbrückt werden, und dies machte die Gewinnung zuverlässiger Truppenverbände unmöglich. Aber auch das taktische Arrangement mit der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Gruppe, das dem Aufkommen einer neuen Dolchstoßlegende vorbeugen sollte, war problematisch.So weit die wichtigsten Ergebnisse unseres Forschungsprojekts. Wir hoffen, zum Thema "bürgerlicher Widerstand", wo es nach landläufiger Meinung nichts mehr zu entdecken gibt, neue Erkenntnisse zu Tage gefördert und Einsichten akzentuiert zu haben, die bislang zu Unrecht im Schatten standen. Indem wir uns dabei so weit wie möglich auf die - inzwischen weitgehend veröffentlichten - Primärquellen und Zeugnisse aus der Zeit vor 1945 konzentrierten, konnten wir fern vom nationalen Mythos unsere Fragen stellen, aber auch eigene Vorurteile überwinden. Nicht alle Zielprojektionen des Widerstands "von unten" waren "gut" und wegweisend für die Zeit nach dem Untergang des Faschismus, und manche konzeptionellen Neuordnungsvorstellungen des Bürgertums waren ihnen überlegen. Die kommunistischen Widerstandsbewegungen Europas kämpften ausschließlich für die "nationale Befreiung" ihrer jeweiligen Länder. Verglichen damit waren die europäischen Föderationspläne des Kreisauer Kreises und anderer bürgerlicher Widerstandsgruppen in Europa, beispielsweise der italienischen "Giustizia e Libertà", unter den damaligen Bedingungen ausgesprochen fortschrittlich und zukunftsweisend.Selten hat uns ein Forschungsvorhaben neben der damit verbundenen Anstrengung so viel Spaß gemacht wie das "Projekt Widerstand", dessen erste Ergebnisse wir hiermit vorlegen. Wir freuen uns darüber, dass sich unser Blick auf die widerständige Kehrseite der NS-Diktatur geschärft und die Neugierde sich gelohnt hat. Diese neue Sichtweise wollten wir auch durch die Wahl des Titels unterstreichen. Dabei konnten wir auf eine Erkenntnis zurückgreifen, die der Bremer Historiker und Pädagogikwissenschaftler Jörg Wollenberg schon 1994 mitgeteilt hat: Die Gestapo stilisierte nicht nur die Freundeskreise um die Ehepaare Schulze-Boysen und Harnack zur "Roten Kapelle", sondern gab auch der "Schwarzen Kapelle" der Oppositionsgruppe in der Wehrmacht-Abwehr ihren Namen.[1] Diesen "Gleichstand" der denunzierenden Zuschreibung wollten wir aufgreifen, um diese in beide Richtungen aufzuheben. Und da auch der Kreisauer Kreis unseres Erachtens keine monolithische Einheit darstellte, setzten wir auch ihn in den Plural. So entstand der Buchtitel "Rote Kapellen - Kreisauer Kreise - Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den deutschen Widerstand gegen die NS-Diktatur". Wir danken Stefan Heesch für die Hilfe bei der Material- und Literaturbeschaffung und Christoph Lieber vom VSA-Verlag für sein Engagement, mit dem er den Weg zum fertigen Buch gefördert hat. Noch größere Freude hat uns die Einbeziehung von Zeitzeugen gemacht, die wie Freya von Moltke und Hartmut Schulze-Boysen direkt oder wie Stefan Roloff als Nachgeborener durch den Widerstand geprägt wurden. Sie wurden für uns zu wichtigen Dialogpartnern, von denen wir viel gelernt haben. Da wir mit Frau von Moltke fast von Anfang an in brieflichem Kontakt standen, hat sie uns mit ihrem erstaunlichen Gedächtnis und ihrem Scharfsinn immer wieder geholfen und vor manchen faktischen Fehlern und Fehlinterpretationen bewahrt. Gleichwohl haben uns nicht alle Argumente der Zeitzeugen überzeugt, und so wurde die Spannung zwischen Zeitzeugen und Historikern keineswegs vollständig aufgehoben. Wir danken insbesondere Frau von Moltke dafür, dass wir auf diese Weise noch einmal das kompromissorientierte Konsensprinzip nachvollziehen konnten, das den Kreisauer Kreis so intensiv geprägt und auf das gesamte Spektrum des Widerstands abgefärbt hat.Wir widmen dieses Buch Hans Deichmann, dem Bruder Freya von Moltkes, zum 97. Geburtstag. Hans Deichmann stellte zu Beginn der neunziger Jahre die Weichen für die Förderung der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Zeitschrift 1999, die inzwischen "Sozial.Geschichte - Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts" heißt. Er hatte sich ebenfalls gegen die NS-Diktatur engagiert, wobei sich in ihm Typisches mit Außergewöhnlichem vereinigte. Typisch war sein Weg in den Widerstand.[2] Als Italien-Spezialist des I.G. Farben-Konzerns wurde er 1942 dienstverpflichtet und zum Leiter des italienischen Büros des "Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung", Carl Krauch, ernannt. In dieser Funktion war er vor allem damit beschäftigt, italienische Baufirmen vertraglich als Sub-Unternehmen für den Aufbau der oberschlesischen Hydrierwerke der I.G. Farben zu gewinnen, darunter auch das I.G. Farbenwerk in Auschwitz-Monowitz. Er war somit ein wichtiger Funktionsträger der Rüstungstechnokratie des "Dritten Reichs", zugleich aber Gegner der Nazis. Dann öffneten ihm die Dienstreisen nach Oberschlesien und Auschwitz vollends die Augen, und was er dort sah und hörte, brachte ihn zum Widerstand. Untypisch aber war der Weg, den Hans Deichmann nun einschlug: Der Schwager Helmuth von Moltkes entschloss sich zur Unterstützung der Resistenza. Er wurde seit dem Herbst 1943 zu einem Mitarbeiter von "Giustizia e Libertà", dem bewaffneten Arm der Aktionspartei (Partito d'Azione). Nach der Befreiung Norditaliens arbeitete er auch einige Monate mit dem amerikanischen Geheimdienst (Office of Strategic Services) zusammen und betrieb seine Rückkehr nach Deutschland. Dort trat er in die SPD ein und setzte sich für die Entflechtung der I.G. Farben sowie als Vorsitzer der Spruchkammer in Oberursel für die Entnazifizierungsverfahren ein. Angesichts des um sich greifenden Kalten Kriegs wurde sein Engagement jedoch bald nicht mehr benötigt, und Deichmann kehrte 1948 enttäuscht für immer dorthin zurück, wohin er während des Kriegs dienstverpflichtet worden war. In Italien wurde er ein erfolgreicher Unternehmer. Er dachte aber immer auch an Deutschland, und das brachte ihn wie seinerzeit Heinrich Heine um seinen Schlaf ... Wir danken Hans Deichmann für seine jahrelange Unterstützung und Freundschaft.
Karl Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus

[1] Vgl. Jörg Wollenberg, Der zensierte Widerstand - Schwarze und Rote Kapelle, in: Ders., Den Blick schärfen - gegen das Verdrängen und Vergessen. Beiträge zur biographisch-politischen Aufklärung, Bremen 1998, S. 118-135.
[2] Vgl. zum folgenden Archiv der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bestand Sammlung Hans Deichmann; Hans Deichmann, Oggetti/Gegenstände, München 1995. nderts, Bestand Sammlung Hans Deichmann; Hans Deichmann, Oggetti/Gegenstände, München 1995.
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