Research Fellows

Berichte der Research Fellows

 

 

  • Kooperation unter der Oberfläche: Deutsch-südafrikanische Netzwerke während der Apartheid   (Andreas Kahrs)

 

Das bereits in den vergangenen Jahren vorbereitete Dissertationsprojekt zu deutsch-südafrikanischen Netzwerken während der Apartheid ist durch die Förderung durch die Hans-Böckler-Stiftung 2013 vollumfänglich gestartet und soll bis 2016 beendet werden. Erster und grundlegender Schritt des Forschungsprojektes war die Erschließung des im Stiftungsarchiv befindlichen Aktenbestandes „Hennenhofer PR“, an dem bereits in der Vergangenheit zur Vorbereitung des Projektes gearbeitet wurde, der jedoch bislang ohne vollständige archivarische Aufnahme und ohne Findbuch vorlag. Beide Arbeitsschritte wurden von Mai bis Jahresende durchgeführt und werden zu Jahresbeginn 2014 abgeschlossen sein. Der Bestand umfasst nun ca. acht laufende Meter und enthält zentrale Dokumente für die weitere Untersuchung. Die Königsteiner Agentur Hennenhofer PR war einer von mehreren Akteuren, die in den 1970er und 1980er Jahren mithilfe einer breit angelegten Lobbyarbeit versucht haben, zwischen westdeutschen und südafrikanischen Meinungsbildern und politischen Akteuren zu vermitteln. Im Sinne eines besseren Verständnisses stand dabei die Bildung gegenseitigen „Vertrauens“ im Zentrum der Bemühungen. Durch die zentrale Position von Hennenhofer im deutsch-südafrikanischen Netzwerk bietet der Bestand im Stiftungsarchiv einen wertvollen Überblick über verschiedene Akteursspektren und enthält als „Ausgangsbestand“ Anhaltspunkte für eine Anschlussrecherche bei wichtigen Partnern wie bspw. regionalen Industrie- und Handelskammern und Parlamentsfraktionen in der Bundesrepublik wie auf europäischer Ebene. Vor allem gibt er Hinweise auf die Strategie der Südafrikanischen Regierung für ihre Außenpolitik aus der Rolle eines international scharf kritisierten Staates. Dieser außenpolitischen Strategie wird im Laufe des Jahres 2014 auch in südafrikanischen Archiven nachgegangen.

 

 

 

  • Stand meiner Forschungsarbeiten zum Projekt „Körper und Arbeit – Geschichte des Arbeiter/innenschutzes in Deutschland und Österreich von der Hochindustrialisierung bis heute aus Sicht einer kritischen Arbeitsgeschichte“ (Wolfgang Hien)

 

Die Arbeiten zur Phase bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges sind weitgehend abgeschlossen. Hervorzuheben ist die Bedeutung der Arbeitsideologie, die von der sogenannten protestantischen Arbeitsmoral, welche in der katholischen Gehorsamsmoral ihr Pendant fand, begründet wurde, und die im Nationalsozialismus ihre schreckliche Blüte fand. Der Religion der Arbeit wurden Körper und Geist geopfert, freilich mit einer extremen vertikalen Hierarchisierung, an deren unterem Ende die Vernichtung durch Arbeit stand. Untersucht wird die besondere Rolle der Arbeitsmedizin, die sich schon seit der Hochindustrialisierung – abgesehen von wenigen sozial orientierten, i.d.R. jüdischen Ärzten wie etwa Ludwig Teleky oder Luis Lewin – hauptsächlich als Selektions- und Leistungsmedizin verstand. Deren Kontinuität bis in unsere Zeit ist nachzugehen.

Bis zur Mitte des laufenden Jahres (2014) sollen aus den Beständen des Archivs der Stiftung die Arbeits- und Gesundheitsverhältnisse der Zwangsarbeiter herausgearbeitet werden, was freilich nur exemplarisch geschehen kann. Ausgewählt wurden die I.G.-Farben-Betriebe und die Hermann-Göring-Werke in Linz an der Donau. Entsprechende Recherchen und Vorarbeiten sind erfolgt. Als gesondertes Thema soll ferner die Geschichte der Asbestexposition untersucht werden, die schon während der Nazi-Zeit begann (interessant sind hier die Kontroversen innerhalb der NS-Medizin über die Gefährlichkeit und die notwendigen Schutzmaßnahmen) und während des Nachkriegsbooms, trotz gesicherten Wissens über die tödliche Schädlichkeit, in einem unglaublichen Ausmaß stattfand und in vielen Ländern der Welt – beispielsweise in Brasilien, Indien und China – bis heute stattfindet.

 

 

 

  • Produktionsverhältnisse und Klassenkonflikt in der bremischen Schiffsbauindustrie während der Weimar Republik (Antonio Farina)

 

Die bis hierher geführten Untersuchungen haben sich auf drei Ebenen bewegt.

Die erste Ebene vollzieht den historischen Hintergrund nach. Im allgemeinen Rahmen des von Charles Maier bezeichneten „Recasting Bourgeois Europe” gehe ich auf einen bestimmten Gesichtspunkt der Produktionsverhältnisse ein: Die während des Krieges erfolgten Veränderungen von Methoden und Produktionswesen stellen eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung dar. Dass dieser Prozess umkehrbar war, zeigt sich exemplarisch in der ersten Nachkriegszeit. Es fand ein langwieriger Übergang zur Friedenswirtschaft statt, währenddessen  der Dirigismus der „Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ eine entscheidende Rolle spielte. Parallel zum deutschen Kontext werden auch italienische und US-amerikanische Fallstudien analysiert, um charakteristische Aspekte jedes Einzelfalles sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede mit den anderen Ländern herausarbeiten zu können.

Vergleicht man die Ereignisse des italienischen „Biennio rosso“ („Die zwei roten Jahre“) mit dem Anfang der Weimarer Republik, dann erweisen sich die Besonderheiten beider Arbeiterbewegungen. Die von den Betriebsräten gespielte Hauptrolle wird beispielsweise als Motor für die gewerkschaftlichen Forderungen innerhalb des sozialen Konfliktes angesehen. Zum erfolgreichen Verlauf der Arbeiterkämpfe trug auch eine „Osmose“ der Sektoren des Industrieproletariats mit den Spitzen der Arbeiterparteien bei.

Ausgehend von diesem Gesamtbild der  Produktionsverhältnisse der europäischen Nachkriegszeit wird die zweite Ebene erschlossen, die sich vorwiegend mit dem deutschen Fall beschäftigt. Zu diesem Zweck werden dokumentarische und archivarische Quellen benutzt.

In diesem Teil der Forschung kommt der Zeitraum 1919-1923 in den Blick. Es waren die Jahre des aktiven Kampfes um die Veränderung der Produktionsverhältnisse und der Gegenoffensive der Unternehmer, die die Abschaffung der durch die Novemberrevolution erlangten Arbeiterrechte anstrebte. Dabei stellte der Konflikt um den Akkordlohn keinen rein wirtschaftlichen Streitfall dar, sondern eher eine Kernstrategie des Unternehmerlagers, um die Subsumtion der Arbeiter voranzutreiben und die Produktivitätssteigerung anzukurbeln.

Die dritte Untersuchungsebene führt zu einer eingehenden Analyse vom Standpunkt der Produktionsverhältnisse innerhalb der bremischen Schiffsbauindustrie in der Weimarer Republik. Der Unterschied zur klassischen Schwerindustrie (Stahl- und Bergbauindustrie), sowie zu anderen, strukturell stark entwickelten Industriezweigen (Elektromechanik und Chemieindustrie) ist hier deutlich: der massive Anstieg der Mechanisierung und die Standardisierung der Produktionsprozesse führten beim Schiffbau zu keiner Umwälzung der Arbeitsteilung und der Arbeitsorganisation. Aus diesem Grund wurden die in den vorherigen zwanzig Jahren entstandenen Berufsgruppen der Arbeiterschaft durch solche Veränderungen nicht unterminiert, zumindest nicht bis Mitte der 1930er Jahre.

Neue Modelle von multiplen Bohrmaschinen, hydraulische Pressen für die Biegung der Profile und die allgemeine Elektrifizierung der Schiffsarbeit wurden zwecks  Intensivierung der Produktionszeitpläne  eingeführt. Im Unterschied zu den anderen obengenannten Industriezweigen führten diese technischen Innovationen weder zur Umverteilung der beruflichen Aufgaben noch zu einer neuen Umschichtung der Gewerbe.

Der Vergleich mit verschiedenen Produktionsbereichen einerseits und die große Kluft zwischen dem Organisierungsvorhaben der Ingenieurwissenschaft und den effektiven Arbeitsprozessen auf der anderen Seite liefert den Schlüssel zu einem in meiner Forschung behandelten Hauptargument: das technologische Niveau der hanseatischen Schiffswerften entsprach nur teilweise der von Tjard Schwarz konzipierten „allgemeinen Automation und Standardisierung der Produktion“. Als Vorsitzender der Schiffbautechnischen Gesellschaft beabsichtigte er, die ganze Schiffsbaubranche nach dem US-amerikanischen Modell zu reformieren.

 

 

 

  • Geschichte des Politrock (Stefan Heesch)

 

Vor einem halben Jahrhundert entwickelte sich Rockmusik als Teil einer kulturellen Emanzipation in der wesentlichen Welt. Diese Verbindung führte dazu, dass Rockmusik schon sehr bald bewusst eingesetzt wurde, um eine emanzipatorische politische  Haltung zu demonstrieren und sehr konkrete politische Forderungen und Botschaften zu verbreiten. Zwischen 1968 und 1970 wurde aus der Forderung „Stellt die Klampfen in die Ecke!“ das Postulat „Musik ist eine Waffe!“ Eine derartige Auseinandersetzung um die Rolle der Rockmusik und ihre politische Bedeutung scheint in dieser Zeit nur in der BRD geführt worden zu sein und dort entwickelte sich auch ein spezifischer Begriff für politische Rockmusik: Politrock.

Die bis in die 1970er Jahre aktive Politrock-Kultur in der BRD stelle ich in einem Vortrag vor. Dabei werde ich Songs verschiedener Bands live mit Akustikgitarrenbegleitung vorstellen, um die behandelten Themen und ihre musikalische Umsetzung zu verdeutlichen und damit sowohl den jeweiligen Zeitgeist und die musikalischen ebenso wie die gesellschaftlichen Entwicklungen lebendig werden zu lassen.

Ich möchte zum einen den Blick in die unmittelbare Vergangenheit werfen, zum anderen haben viele der vorgestellten Musikstücke eine aktuelle Bedeutung und lassen sich zum Teil eins zu eins auf den gegenwärtigen Zustand der Welt anwenden.

Das Programm „Politrock“ ist Teil meines Forschungsprojektes zur Sozialgeschichte der Rockmusik, an dem ich seit 2011 als Fellow der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts arbeite. Es geht mir darum Geschichte als lebendige, uns unmittelbar betreffende Kultur zu vermitteln und den akademischen Elfenbeinturm in Musikkneipen oder Konzerträume zu verlegen.

 

 

 

  • Biographie-Projekt Arthur Lehning (Hartmut Rübner)

 

Dass 2012 von den Herausgebern Bert Altena, Oliver Rast und Hartmut Rübner anvisierte, im Folgejahr dann vorangetriebene Sammelbandprojekt zum Leben und Werk Arthur Lehnings hat mittlerweile konkrete Gestalt angenommen. Allerdings hat sich die Realisierung länger als erwartet hingezogen, da die Resonanz der AutorInnen auf die wiederholt revidierten Abgabetermine in der Mehrheit ungewöhnlich verhalten ausgefallen ist. Zwar ging etwa die Hälfte der erwarteten Beiträge bis zum Herbst 2013 ein, darunter zwei Artikel in niederländischer Sprache, doch es fehlen weiterhin drei Artikel sowie – in einem Fall – die Umsetzung der von den Herausgebern unterbreiteten Überarbeitungsvorschläge. Von den noch ausstehenden Autoren ist die Abgabe für Anfang 2014 fest zugesagt worden. Im Frühjahr 2014 werden die Übersetzungs-, Korrektur- und Lektoratsarbeiten beginnen. Dem aktuellen Stand der Dinge zufolge ist die Drucklegung noch im Jahr 2014 realisierbar.

 

 

Extern geförderte Projekte

 

 

  • Zum Stand der Arbeiten an der neuen Textausgabe von Karl Marx: Das Kapital, Bd. I (Thomas Kuczynski) 

 

Wie aus der Korrespondenz von Marx ersichtlich, war er zu der Auffassung gelangt, dass bei Neuübersetzungen „der Übersetzer stets sorgfältig die zweite deutsche Auflage mit der französischen vergleicht, da die letztere viele wichtige Änderungen und Ergänzungen enthält“ (so in seinem Brief vom 15/11/1878 an den Urheber der ersten russischen Übersetzung, N. F. Danielson). Sein Ziel war, nach Abschluss der Arbeiten an Band II eine neue vollständig überarbeitete deutsche Ausgabe vorzulegen (vgl. seinen Brief vom 13/12/1881 an denselben). Dazu ist es nicht gekommen. 

Nach Marx’ Tod fand Friedrich Engels Exemplare der beiden genannten Ausgaben mit einer Vielzahl Eintragungen von Marx’ Hand vor, von denen er annehmen musste, sie hätten der Vorbereitung einer dritten deutschen Auflage gedient. Die von Herbst 1877 stammenden Eintragungen waren aber zur Vorbereitung einer englischen Übersetzung gedacht und widerspiegelten nicht seine spätere (oben zitierte) Auffassung. Zudem kannte Engels nicht die den Eintragungen zugrundeliegenden Instruktionen, so dass er die Eintragungen teilweise nicht deuten konnte, fehlinterpretierte oder auch falsch einordnete. 

Die Zielstellung der neuen Textausgabe ist, auf Grund eines sorgfältigen Vergleichs der zweiten deutschen Ausgabe und der französischen Ausgabe von Kapital-Band I dem deutschsprachigen Lesepublikum eine zuverlässige Kompilation der beiden Ausgaben zur Verfügung zu stellen und damit der für Neuübersetzungen formulierten Maßgabe des Verfassers auch bei einer deutschen Ausgabe zu folgen. 

Ich habe im Dezember 2013 die Rohfassung der Neuausgabe fertiggestellt (ca. 700 S.); vom letzten (25.) Kapitel liegt Karl Heinz Roth ein Exemplar vor. Nun sitze ich an den notwendigen Nacharbeiten, die ich hoffe, 2014 abschließen zu können. Zu den Nacharbeiten gehört auch das Kollationieren von Marx verwendeter, aber weder in Berlin noch im Internet erreichbarer Quellen, die insbesondere in London und Paris vorhanden sind. Für die Paris-Reise hat mir die Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts dankenswerterweise ein Stipendium in Höhe von eintausend Euro zur Verfügung gestellt, das ich in diesem Jahr für den genannten Zweck nutzen werde.