Keine Geiseln der Geschichte

Jürgen Zimmerer

Keine Geiseln der Geschichte

Deutsche Kolonialherrschaft ist bloß eine Episode, denken viele. Das Dritte Reich zeigt: Dauer sagt nichts über Intensität

Man stelle sich vor, ein angehender Romancier sucht sich eine historische Epoche für einen Abenteuerroman. Er siedelt seine Geschichte in Weißrussland oder der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges an. Ausführlich schildert er die Leiden der deutschen Soldaten, ergötzt sich an militärhistorischen Details und skizziert ab und an einige russische Partisanen, Letztere ohne jedes eigene Profil. Zu guter Letzt, denn unser Autor ist ja ein moralischer Mann, verurteilt er natürlich die deutschen Grausamkeiten, kommt aber zum Schluss, so ein richtiger Völkermord sei es nun nicht gewesen in den Konzentrationslagern. Eher ein Versehen, ausgelöst durch den militärischen Erfolg der Sowjets und die Verantwortung einzelner lokaler Kommandeure. Der Aufschrei wäre groß ob dieser Geschmacklosigkeit, vor allem wegen der damit implizit verbundenen Geschichtsklitterung. 

Spielt das Ganze hingegen in Afrika, freuen sich Kritiker an der exotischen Kulisse und jubeln ob der gelungen Verbindung von spannender Erzählung und historischer "Aufarbeitung". So geschehen mit Gerhard Seyfrieds Erstlingsroman "Herero". Auf 600 Seiten lässt er deutsche Schutztruppenreiter in der Wüste leiden, aufopferungsvoll Patrouillen reiten und sich Feuergefechte mit Herero liefern. Politisch korrekt fehlt nicht der Hinweis auf das Leid der AfrikanerInnen, dennoch kommen diese nur als primitive Wilde vor, die als dunkle Gestalten um diverse Lagerfeuer schleichen und keines vernünftigen Satzes fähig sind. Das ganze Buch konterkariert die Aussage von den deutschen Verbrechen, ist letztlich sogar ein Lob auf deutschen Pioniergeist und Durchhaltevermögen. Allein dass Seyfried glaubt, für seinen Abenteuerroman die Kulisse des Völkermordes an den Herero und Nama wählen zu können, und dass ihm Teile des deutschen Feuilletons dafür zujubeln, zeigt, wie fern dieses Verbrechen gerückt ist.

Die Mär von der Unschuld

Und das ist auch kein Wunder, gibt es doch außer einigen Kolonialdenkmälern, die einst zum Ruhme der deutschen Mission in der Welt errichtet und in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts flugs zu Antikolonialdenkmälern umgewidmet wurden, keine Gedenkstätten für die Opfer der deutschen Herrschaft. An der Neuen Wache in Berlin, an der mit Inschriften der Opfer zahlreicher Feldzüge und Kriege gedacht wird, fehlt jeder Hinweis beispielsweise auf den Maji-Maji-Krieg, der 1905-1906 im heutigen Tansania eine Viertelmillion Opfer forderte, oder auf den gegen die Herero und Nama. Auch in der Diskussion um ein - internationalisiertes - Zentrum gegen Vertreibungen tauchen die Herero bisher nicht auf. Stattdessen leistete sich die Bundeswehr in Hamburg bis vor kurzem noch eine Lettow-Vorbeck-Kaserne, benannt nach dem "Helden von Ostafrika", der mitverantwortlich war für den Tod von über einer Million AfrikanerInnen während des Ersten Weltkrieges. Und über einem Gebäude in dieser Kaserne prangt immer noch im Halbrelief Lothar von Trotha, Hauptverantwortlicher für den ersten deutschen Völkermord, verübt zwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Südwestafrika. 

Die koloniale Amnesie setzte schon bald nach dem Verlust des deutschen Kolonialreiches im Versailler Frieden (1919) ein. Zunächst als Kolonialschuldlüge - damit war die alliierte Behauptung gemeint, die Deutschen hätten sich als kolonialunfähig erwiesen und deshalb müssten ihnen die Kolonien zum Schutze der "Eingeborenen" genommen werden - als nationale Schmach empfunden, machte sich bald die Einsicht breit, dass diese Zwangsentsorgung des kolonialen Problems auch Vorteile hatte. Im Dritten Reich loderte die koloniale Begeisterung noch einmal kurzfristig auf, um nach Stalingrad um so abrupter zu erlöschen. Nach dem Krieg konzentrierten sich die Deutschen darauf, Entwicklungshilfe zu leisten oder den "dunklen Kontinent" mit Großprojekten deutscher Ingenieurskunst zu beglücken. Spätestens als die traditionellen Kolonialmächte von den Wirren der Dekolonisation erfasst wurden, war man in Deutschland froh, seine Kolonien so früh losgeworden zu sein. 

Aus der im Vergleich mit anderen Kolonialmächten kurzen Dauer schlossen viele Deutsche, die formale Kolonialherrschaft sei nur eine unbedeutende Episode ihrer Geschichte geblieben - dabei zeigt schon ein Blick auf die "nur" zwölf Jahre des Dritten Reiches, dass Dauer nichts über Intensität aussagt. Die daraus konstruierte Schimäre von der kolonialen Unschuld Deutschlands findet sich auch bei Leuten, die für sich in Anspruch nehmen, an den globalen Problemen der Welt, insbesondere der so genannten Dritten, Interesse zu haben. So erklärte etwa der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele im April 2001, "dass Deutschland das Glück hatte, sehr früh aus der Kolonialisierung gewaltsam herausgetrieben worden zu sein". So könne es "eine Rolle übernehmen, die unbelastet ist und die deshalb eine Vorreiterrolle sein kann". 

Diese Ignoranz ist Resultat der mangelhaften Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit und schreibt diese zugleich weiter fort. Da hilft es wenig, wenn Ströbeles Parteifreund Joschka Fischer wenige Monate später auf der UN-Anti-Rassismus-Konferenz im südafrikanischen Durban erklärte: "In vielen Teilen der Welt reicht der Schmerz über die bis heute nachwirkenden Folgen der Sklaverei und der Ausbeutung durch den Kolonialismus noch tief. Vergangenes Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber Schuld anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen und sich seiner historischen Verpflichtung zu stellen kann den Opfern und ihren Nachkommen zumindest die ihnen geraubte Würde zurückgeben." 

Die Entschuldigung folgte jedoch nicht. Im Hinblick auf den Genozid an den Herero ist es offizielle Politik, jede Entschuldigung zu verweigern. Diese Haltung hat sich noch verfestigt, seit die Herero auf Wiedergutmachung klagen. Erst im Oktober 2003 lehnte Außenminister Fischer in Windhoek unter Hinweis auf diese Klage erneut eine offizielle Entschuldigung ab; schließlich seien die Deutschen "keine Geiseln der Geschichte". 

Namibias Außenminister Theo-Ben Gurirab hielt Fischer schon in Durban entgegen, "dass Deutschland sich für die Verbrechen an Israel, Russland oder Polen entschuldigt hat, weil es um Weiße ging. Wir sind Schwarze, wenn es deshalb ein Problem mit der Entschuldigung gibt, ist das rassistisch." Und in der Tat ist es in einer Zeit, in der allerorten unterdrückte Minderheiten auf Entschuldigung drängen, wo Klagen wegen der Sklaverei oder der Apartheid drohen, wo weltweit die Entschädigungspolitik der Bundesrepublik als Vorbild gilt, schwierig, zu verstehen, worin der Unterschied zwischen russischen und polnischen Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkrieges und den Nama- und Herero-Zwangsarbeitern im Namibischen Krieg besteht; außer eben in der Hautfarbe und der Tatsache, dass die Marginalisierung der Afrikaner im öffentlichen Diskurs ebenso wie in der Politik bis heute anhält. 

Widerstand gegen eine Entschuldigung an den Herero und Nama und gegen die Anerkennung, dass sie Opfer eines Genozids waren, speist sich jedoch noch aus einer anderen Quelle und hängt eng mit dem Vorwurf des Völkermordes zusammen. Nach dem Holocaust konnte die deutsche Öffentlichkeit vor den Verbrechen der Nationalsozialisten die Augen nicht mehr verschließen. Das Eingeständnis der Verbrechen und die Annahme der damit verbundenen Schuld ist zum Grundkonsens aller Deutschen außerhalb des rechtsextremen Spektrums geworden. Willy Brandts Kniefall in Warschau gehört mittlerweile zu den zentralen, die bundesdeutsche Identität mit begründenden Erinnerungspunkten.

Ein Stück Vergangenheitspolitik

Viele denken jedoch, dass es damit sein Bewenden haben sollte. Die zwölf unheilvollen Jahre sollen als Einbruch des Pathologischen, des Dämonischen identifiziert und innerhalb der deutschen Geschichte isoliert werden, um Letztere insgesamt als positiven Identifikationspunkt zu retten. Dem stehen die kolonialen Verbrechen im Weg, da sie, wie der Historiker Helmut Bley schon vor zwanzig Jahren mutmaßte, "die Erinnerung daran wecken" können, "dass [...] gewalttätige Traditionen vorhanden sind, die sich nicht auf den 'Dämon' Hitler reduzieren lassen, sondern die in sozusagen 'normalen' Zeiten sich vollzogen". 

Eine offizielle Entschuldigung wäre deshalb nicht in erster Linie ein Beitrag, "den Opfern die ihnen geraubte Würde" zurückzugeben - es ist schließlich äußerst fraglich, ob es in der Macht der ehemaligen Kolonialstaaten liegt, über die Würde der Beraubten zu entscheiden -, sondern die damit verbundene öffentlichen Aufmerksamkeit in Europa wäre ein heilvolles Stück Vergangenheitspolitik gerade auch für Deutschland auf dem Weg zur multikulturellen Gesellschaft. Es würde der deutschen Bevölkerung vor Augen führen, dass weltumspannender Handel, machtpolitische Ausdehnung und globale Kommunikation Phänomene sind, die nicht erst mit der Globalisierung begannen, und es würde auch auf die sozialen und humanitären Kosten hinweisen, die entstehen, wenn man eigene Vorstellungen von Rationalität und Herrschaft, von Ordnung und Entwicklung fremden Gesellschaften einfach überstülpt.

Jürgen Zimmerer, geb. 1965, ist Historiker am Centro de Estudos Interdisciplinares do Século XX an der Universität Coimbra in Portugal und arbeitet u. a. zur deutschen Kolonialgeschichte und zur vergleichenden historischen Genozidforschung. 

erstmals erschienen in: taz Nr. 7254, 10.1.2004, Seite 5