Rassenkrieg gegen die Herero

Jürgen Zimmerer

Rassenkrieg gegen die Herero

Südwestafrika 1904 bis 1908: Der erste deutsche Völkermord

Die Geschichte des deutschen Kolonialreiches dauerte nur dreißig Jahre. Eine im europäischen Vergleich derart kurze Zeitspanne, dass sich bis heute bei vielen Deutschen der Eindruck aufdrängt, die formale Kolonialherrschaft sei nur eine unbedeutende Episode ihrer Geschichte gewesen. 

Stimmt das schon für die deutsche Geschichte im engeren Sinne nicht, da viele der in den Kolonien praktizierten Herrschaftstechniken unmittelbar der deutschen Verwaltungspraxis entstammten und durch deutsche Beamten und Offizieren in die Tat umgesetzt wurden, so gilt es für die betroffenen Gegenden vor allem in Afrika auf gar keinen Fall. Kolonialherrschaft veränderte das Leben der Menschen in den Siedlerkolonien grundlegend. Und gerade in den beiden größten deutschen Kolonien, in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) kam es gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu kriegerischen Konflikten, die zu den blutigsten und folgenreichsten der gesamtem Kolonisierung Afrikas gehörten. Dass sich heute im Süden Tansanias das größte, fast menschenleere Wildreservat Afrikas befindet, ist ebenso deren Ergebnis, wie die Tatsache, dass in Namibia immer noch der Großteil des fruchtbarsten Landes im Besitz Weißer ist.

Koloniale Herrenmenschen

In Deutsch-Südwestafrika gelang der deutschen Armee zudem die traurige Leistung, den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts und zugleich der deutschen Geschichte verübt zu haben. Was sich seit der Nacht vom 11. auf den 12. Januar 1904 fast vier Jahre lang in der Kolonie abspielte, muss in weiten Teilen als bewusster Vernichtungskrieg und Völkermord gewertet werden. Sicherlich, Kolonialkriege wurden immer schon, und von allen Mächten, mit großer Grausamkeit geführt, und der dem Kolonialismus inhärente Rassismus machte einen Übergang von rechtlich eingehegten Praktiken der Kriegsführung zum Krieg gegen Frauen und Kinder leichter, aber dennoch hebt die Systematik, mit der in "Südwest" gebrandschatzt und gemordet wurde, diese Kämpfe aus der Reihe der zeitgenössischen Kriege heraus. 

Wer in jener Nacht den ersten Schuss abgab, ist in der Forschung umstritten. Es waren wohl deutsche Provokationen, die den Krieg auslösten. Sie fielen auf afrikanischer Seite auf fruchtbaren Boden, machten sich dort doch allmählich die Folgen der deutschen Kolonialherrschaft bemerkbar. War die Herero-Gesellschaft durch die große Rinderpest von 1897 schon in ihren Grundfesten erschüttert, so erhöhten der zunehmende Landverlust an Weiße und das Auftreten vieler deutscher Siedler als "Herrenmenschen" den Druck auf die Herero-Führung. Betrügereien seitens deutscher Kaufleute, vor allem aber Vergewaltigungen von Herero-Frauen untergruben die Stellung der traditionellen Eliten. Da diese ihre Untergebenen nicht wirksam schützen konnten, verloren sie an Autorität und eine jüngere, kampfbereite Generation gewann Einfluss. 

Zunächst waren die Herero militärisch so erfolgreich, dass sich die Deutschen nur in einigen bewaffneten Ortschaften halten konnten. Vor allem auf entlegenen Farmen töteten die Herero 123 Siedler, schonten dabei entgegen der zeitgenössischen Gräuelpropaganda jedoch ausdrücklich Frauen, Kinder und Missionare. Dieses Konzept klassischer Kriegsführung, die Männer als Krieger zu attackieren, Frauen und Kinder aber zu schonen, wurde von deutscher Seite jedoch nicht erwidert. Man werde unter den Herero "aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann, kein Pardon" geben, hieß es dort, und bald warnte der langjährige Gouverneur Leutwein vor "unüberlegten Stimmen, welche die Hereros nunmehr vollständig vernichtet sehen wollen", denn schließlich lasse sich ein Volk von 60.000 bis 70.000 Menschen "nicht so leicht vernichten", zudem brauche man die afrikanischen Arbeitskräfte. 

Leutwein war aber nicht mehr Herr des Geschehens, da mittlerweile der Große Generalstab in Berlin das Kommando an sich gezogen hatte, und mit Lothar von Trotha nur wenige Wochen nach Kriegsausbruch einen besonders brutalen Kolonialsoldaten als neuen Oberbefehlshaber nach Südwestafrika schickte. Dieser sah den Konflikt von Anfang an als Teil eines grundsätzlichen "Rassenkrieges", in dem es gelte, "die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut" zu vernichten. 

Spätestens seit Sommer 1904, nach der sogenannten Schlacht am Waterberg führte die Schutztruppe einen genozidalen Vernichtungskrieg gegen die Herero, ermordete bei ihren Verfolgungsritten Frauen und Kinder, Junge und Greise. Planmäßig trieben die Reiter die Herero in die Omaheke-Wüste, besetzten die Wasserstellen und versuchten jegliches Entkommen der Verdurstenden aus dem Trockengebiet zu verhindern. Trotha wurde erst gestoppt, als der Völkermord bereits zum größten Teil geschehen war. Die Gründe dafür waren vor allem taktischer Natur, denn die deutschen Truppen wurden inzwischen im Süden des Landes gebraucht, wo mittlerweile die Nama einen äußerst erfolgreichen Guerillakrieg begonnen hatten, der die deutsche Armee an den Rand der Niederlage brachte. 

Wiederum blockierte die deutsche Armee Wasserstellen und zerstörte systematisch die Nahrungsgrundlagen der afrikanischen Bevölkerung. Vor allem aber setzte sie auf Massendeportation der Bevölkerung, um so den Kämpfern den Rückhalt bei ihren Leuten zu nehmen. Interniert wurden diese, wie auch gefangene Herero, in Konzentrationslagern, so der zeitgenössische Ausdruck, die inzwischen über das ganze Land verteilt eingerichtet worden waren. Von Kriegsgefangenenlagern europäischen Typs schon dadurch unterschieden, dass auch Frauen und Kinder dort gefangen gehalten wurden, dienten sie auch als Arbeitslager. Wer arbeitsfähig war, musste entweder für die Schutztruppe oder die Verwaltung Zwangsarbeit leisten. Privatpersonen konnten sich Arbeitskräfte abholen, größere Unternehmen richteten eigene Camps ein. Zumindest im Konzentrationslager auf der Haifischinsel kam es zudem zur bewussten Ermordung durch Vernachlässigung. Dort starben binnen eines halben Jahres von 1.795 Gefangenen 1.032. Insgesamt kamen dreißig bis fünfzig Prozent der Internierten ums Leben. Verlässliche Zahlen für die in Gefechten und auf der Flucht getöteten und für die Verhungerten und Verdursteten liegen nicht vor, sie gingen aber in die Zehntausende. 

Obwohl der Krieg offiziell am 31.3.1907 zu Ende ging, wurden die letzten Gefangenen erst ein knappes Jahr später entlassen, um jedoch sofort einem rigiden, das ganze Land umspannenden Kontrollsystem unterworfen zu werden. Alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 14 Jahren mussten eine Passmarke tragen und wurden einem Arbeitszwang unterworfen. Zwar gelang die Durchsetzung dieses ins Totalitäre gehenden Kontrollsystems ebenso wenig wie vorher die Vernichtung der Herero oder der Nama, jedoch ist die Absicht, eine auf dem Wahn vollständiger Planung basierende rassische Privilegiengesellschaft zu errichten, deutlich erkennbar. Dieser Rassenstaat ist nur einer der Umstände, die aus dem kolonialen Südwestafrika auf das vorausweisen, was in der deutschen Geschichte noch folgen sollten. Vernichtungskrieg und Völkermord gehören ebenso dazu. 

Obwohl nicht alle Offiziere von Trothas Politik für richtig hielten, verweigerte sich doch niemand. Vor allem fanden seine Ideen in Berlin grundsätzlichen Rückhalt. So schrieb beispielsweise Generalstabschef von Schlieffen im Herbst 1904 an Reichskanzler von Bülow: "Dass er die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen. Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei abzuschließen. Das letztere Verfahren ist aber bei den jetzt gültigen Anschauungen auf Dauer nicht durchzuführen. Die Absicht des Generals v. Trotha kann daher gebilligt werden. Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen." 

Die Herero und Nama überlebten den Völkermord, es vermochten sich neu zu organisieren, alte Traditionen wiederzubeleben und neue zu inkorporieren. Wenn heute am Herero-Tag im August in Okahandja immer noch Herero in Uniformen paradieren, die an deutsche erinnern, so ist dies nicht Ausdruck einer besonderen Zuneigung zu den Deutschen, wie oft zu hören ist, sondern Resultat der Neuerfindung der Herero-Nation: Vor allem kriegsgefangene Kinder taten in der letzten Dekade vor dem Ersten Weltkrieg als Offiziersburschen, sogenannte Truppenbambusen, Dienst in der deutschen Armee und übernahmen deren Organisation für ihr geheimes Unterstützungsnetzwerk. 

Das Überleben von Herero und Nama ist auch kein Beweis gegen das Vorliegen eines Genozids. Wissenschaftliche Definitionen sowie die UN-Völkermordkonvention stimmen darin überein, dass, nicht die Vollendung den Tatbestand des Genozids konstituiert, sondern der Beginn einer Tat mit der Intention "eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören". Bei der deutschen Politik gegenüber den Herero und Nama in der Wüste, im Kampf gegen Partisanen und im Lager auf der Haifischinsel ist dies gegeben. Dies macht die Ereignisse in Deutsch-Südwestafrika zum ersten Genozid der deutschen Geschichte und des 20. Jahrhunderts. 

Erstmals erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 10.1.2004