Die Neue Heilige Allianz:

Krieg gegen Terror und Asymmetrischer Krieg

Inhalt

     I. Drei notwendige Vorklärungen
          1. Macht und Ohnmacht der (Alten) Heiligen Allianz, 1815-1854
               Das Konzept Gentz-Metternich: Vermeidung der Revolution durch Friede
               Restauration und Reaktion: Kompromiß mit der Revolution vs. Neoabsolutismus
               Zwei interne Widersprüche: Verfassung und Autonomie
               Systeminterne Machtkonflikte innerhalb der Pentarchie
               Die Industrielle Revolution
          2. Asymmetrischer Krieg und Krieg gegen Terrorismus
               Macht und ihre kriegsgeschichtliche Folgen: 3x Aristoteles
               Asymmetrischer und Symmetrischer Krieg, von oben und unten:
               Terror, von oben und unten
               Widerstand und Terror
      II. Weltmacht USA und ihre "Globalisierung"
          1. Aufstieg der USA: Von der Peripherie zum globalen Machtzentrum
               Von der Monroe- zur Bush-Doktrin, 1823-2003
               Das Imperium Americanum: Globale Thalassokratie und Viertes Rom
               Die Alternativen der Number One seit 1991: Multi- oder Unilateralismus
               Fundamentalismus im imperialen Volk Gottes
           3. Die Neue Heilige Allianz und ihre Widersprüche, interne wie externe
               Quantität und Qualität; Dialektik der Pleonexia
               Innere Wahrhaftigkeit
               Interne Widersprüche
     Flucht in den US-Fundamentalismus: Armageddon als apokalyptische Endschlacht
                Ausblick: Wo bleibt das Positive?
     Anmerkungen


Die jüngste Phase heißer Globalisierung seit dem 11. September 2001 schuf neue Begriffe, die ältere Vorgänge umschreiben – "Terror", "Terrorismus"; "asymmetrischer Krieg", "neue Kriege" (1). Beide hängen, zeitlich wie sachlich, eng zusammen, provozieren jedoch im "Krieg gegen Terror" (2) Erinnerungen an die Heilige Allianz von 1815. An ihr interessieren keine Nostalgie, in verklärender oder hämischer Absicht, sondern realhistorische Gründe für ihr Scheitern, wie ihrer globalen Neuauflage, der imperialen Bush-USA. Deren Mächtigen würden sich dreimal bekreuzigen, in solche Nähe gerückt zu werden. Dennoch lohnt es sich, Parallelen und Unterschieden beider Heiligen Allianzen nachzugehen.

I. Drei notwendige Vorklärungen

Zum besseren Verständnis sind drei Leitbegriffe vorab historisch zu klären – Heilige Allianz, asymmetrischer Krieg, Terror, jeweils mit älteren Vorläufern.

1. Macht und Ohnmacht der (Alten) Heiligen Allianz, 1815-1854

Die Heilige Allianz gab nach dem Endsieg über Napoleon I. machtpolitische Ratifizierung und religiöse Sanktionierung der Neuordnung Europas im Wiener Kongreß 1815. Vorläufer seit 1495, Koalitionen des Heiligen Stuhles gegen Frankreich oder das Osmanische Reich, hießen "Heilige Liga", mit Rußlands Zutritt gegen den Sultan 1686 schon stilprägend "Heilige Allianz". Die Heilige Allianz 1815 stiftete Zar Alexander I. als Dauerbündnis kontinentaler Monarchien gegen die Französische Revolution und von ihr freigesetzte Nationalismen, auch zur Verschleierung der faktischen Hegemonie seines autokratischen Zarenreiches. England erklärte nur laue Sympathie. Aber auch so war die Heilige Allianz die stärkste Machtzusammenballung ihrer Zeit, zwar nicht zentralisiert, sondern locker gruppiert um wolkige Ideologien, sanktionierte das neue Gleichgewicht der fünf (Groß)Mächte (Europäischen Pentarchie), zunächst der vier Sieger von 1814/15 – Österreich, Rußland, Preußen, England: Brüderliche Eintracht der Monarchen sollte den Frieden sichern.

Das Konzept Gentz-Metternich: Vermeidung der Revolution durch Friede

Kopf der Heiligen Allianz war der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich, der Intellekt hinter ihm sein Berater Friedrich von Gentz. Ihr Ideal monarchisch-konservativer Restauration prägte Europas Machthistorie bis zum Krimkrieg: Nach den verheerenden Revolutions- und Napoleonischen Kriegen 1792-1815 wollten sie durch Gleichklang der Großmächte künftigen Großkriegen und Revolutionen vorbeugen, weil Verlierer, wie Frankreich 1789, sich nach einer schweren Niederlage der Revolution zuwenden würden, um aus den Tiefen der revolutionierten Gesellschaft neue Kräfte zur Rückgewinnung ihrer Großmachtstellung zu mobilisieren. Österreich, just seinem ersten Kollaps knapp entronnen, sollte zum Überleben mit subtiler Diplomatie Rußlands Übergewicht auf dem Kontinental vor allem durch die Seemacht England balancieren. (3)

Das Duo Gentz-Metternich fand im zentralen Punkt der Krieg-Revolution-Relation Bismarck als großen Nachfolger: Als preußischer Botschafter hatte er in Rußland die Bauernbefreiung 1861 als Folge der Niederlage im Krimkrieg aus der Nähe miterlebt. Seitdem fürchtete er, der Verlust des nächsten Großkrieg werde in Rußland die nächste Revolution auslösen, die soziale oder panslawistische, mit Rückwirkungen auf Europa. Deshalb vermied er den Krieg mit Rußland, den Moltke wollte, auch die deutsche Linke (Zentrum, Liberalen, SPD) in der Bulgarienkrise 1885-87 als nachgeholten 1848er Traum zur Befreiung Polens und Zerschlagung des Zarismus: Metternich wie Bismarck bestätigte der Erste Weltkrieg mit totalitären Folge"revolutionen" links in Rußland 1917, rechts in Deutschland 1933.

So dialektisch um die Ecken gedacht das Gentz-Metternich-Kalkül theoretisch war – die Realitäten waren noch komplizierter und stürzten es, nach ersten Scheinsiegen, mit Revolutionen und Kriegen, die es vermeiden wollte: Die Praxis ihrer friedenserhaltend gemeinten Strategie verhedderte die Heilige Allianz heillos in Komplikationen der heraufziehenden Modernen und interner Widersprüche – internes Dilemma der Restauration, Inkompatibilität ihrer Mittel, Rivalitäten der Großmächte, Folgen zweier Militärinterventionen gegen Nationalrevolutionen, elementarer Strukturwandel der Industriellen Revolution nun auch auf dem Kontinent.

Restauration und Reaktion: Kompromiß mit der Revolution vs. Neoabsolutismus

Der Grundwiderspruch, der die Heilige Allianz zerriß, war von vornherein in ihre Fundamente eingebaut: Ihr Leitprinzip Restauration war schon Kompromiß mit der Revolution, da sich die Zeit vor 1789 nicht integral zurückdrehen ließ. Wie im englischen Präzedenzfall, der ersten postrevolutionären "Restoration" 1660, kehrte das post-napoleonische Frankreich mit seiner "Restoration" 1814/15 nicht zur absoluten Monarchie zurück, wie die "Ultras" wollten, sondern mit der "Charte Constitutionnelle" zur (beschränkt) konstitutionellen. Selbst dem Deutschen Bund verordnete der Wiener Kongreß für die Bundesstaaten mit "landständischen Verfassungen" dieselbe Brisanz: "Stände" wiesen auf die vorabsolute Monarchie, "Verfassung" war seit 1789 eine revolutionäre Forderung – in Preußen und Österreich trieb die Nichteinlösung der Verfassungsversprechen mit zur Revolution 1848.

Analog beließ die Restauration der (konstitutionellen) Monarchie in Frankreich die Besitzverhältnisse, wie die Revolution sie erzwungen hatte: Der Adel kehrte nicht als geschlossener Stand auf seine Güter zurück, konnte sie individuell kaufen, als Teilnehmer am seit "mobil" (= frei verkäuflich) gewordenen "Immobilien"markt. So trieb die "Milliarde der Emigranten" 1825, von Karl X. als Staatsanleihe aufgelegter Kreditfond für Adlige, die Güter kaufen wollten, um der Rückkehr zum Absolutismus eine soziale Basis zu geben, im dialektischen Gegenschlag nur die Opposition zur Julirevolution 1830. Auch sonst provozierte "Restauration" als blanke neoabsolutistische Reaktion durch Rückkehr zum vorrevolutionären Ancien Régime Nationalrevolutionen, 1820 in Italien (Neapel, Piemont), Spanien und Portugal. Mit deren Niederschlagung eröffnete die Heilige Allianz postwendend die eigene Krise. Als Karl X., Haupt der französischen "Ultras", die Rückkehr zur absoluten Monarchie erzwingen wollte, stürzte ihn prompt die Julirevolution 1830.

Zwei interne Widersprüche: Verfassung und Autonomie

Das Grunddilemma der Restauration zwischen monarchischem Konstitutionalismus ("Charte") als konstruktive Konzession an die Revolution und absolutistischer Reaktion ("Ultras") schuf zwei weitere Widersprüche, formal innerhalb der Monarchien, die sich politisch-friedlich nicht lösen ließen: Einer war doppelt intern (Konflikt mit dem eigenen Reichsvolk); der andere, unter dem Mantel der gemeinsamen Monarchie, gleichsam extern (Konflikt mit fremdstämmigen Untertanen, die meist durch Eroberung unter die Herrschaft der Monarchen geraten waren).

a) Konfliktlinien nach innen, I: Freiheit (= Verfassung) für die eigenen Leute

Zur Zementierung des status quo durch Restauration gehörten die geheiligten Prinzipien monarchische Legitimität und Solidarität: Legal war nur die eigene Herrschaft. Da die Heilige Allianz mehr oder weniger absolut regiert war, zwang Solidarität nur monarchisch legitimierter Mächte zur Niederhaltung aller von unten kommenden Kräfte, wie sie die Französische Revolution zuerst en masse freigesetzt hatte. So sahen sich Liberale und (damals revolutionäre) Demokraten in die Opposition, gar den revolutionären Untergrund abgedrängt: Nach nationalen und lokalen Eruptionen im "Vormärz" explodierte er 1848 als Europäische Revolution.

Noch brisanter waren neoimperiale Nationalbewegungen der beiden Großvölker ohne eigenen Nationalstaat, der Italiener und Deutschen in postimperialen Machtvakuen seit 476 (Untergang Westroms) und 1198 (Thronstreit zwischen Staufern und Welfen im mittelalterlichen Imperium Romanum). Die Fusion von wiederbelebtem Reichspatriotismus und modernem Nationalismus im Zweiten (kaiserlichen) und Dritten (nationalsozialistischen) Reich der Deutschen war mit beiden Weltkriegen welterschütternd, ergänzt durch das Bestreben des linken Flügels im Risorgimento-Nationalismus, das Imperium Romanum tunlichst wiederherzustellen, gipfelnd im italienischen Faschismus des ex-Linkssozialisten Mussolini.

Auf Dauer konnten sich die Monarchien der Heiligen Allianz nur im Gleichklang mit ihren seit 1789 in Bewegung geratenen Gesellschaften behaupten, hätten sich theoretisch evolutionär zu Verfassungsstaaten als konstitutionelle, gar parlamentarische Monarchien wandeln müssen, wie Englands Doppelrevolution 1640-60 und 1688/89 im Übergang zur parlamentarischen Monarchie 1701 schon vorexerziert hatte: Als logische Folge seiner Verfassung wie machtpolitischen Interessen ging das parlamentarisch regierte England sofort auf Distanz zur Heiligen Allianz, scherte bald aus der monarchischen Solidarität aus, indem es Nationalismen unterstützte, zunächst 1821 der Griechen im Osmanischen Reich. Ebenso logisch ist das Versagen der autokratisch-absolutistischen Monarchien, freiwillig grundlegende Strukturreformen zu leisten, die Großreiche bisher selten zustande brachten.

b) Konfliktlinien nach innen, II: Autonomie für fremdstämmige Untertanen

Auch gerieten die dynastisch-multiethnischen Großreiche der Heiligen Allianz in den zweiten Mahlstrom von unten, den 1789 freigesetzt hatte, in den externen Flügel des Binnenkonfliktes mit annektierten fremdstämmigen Untertanen, eingebunden in Großreiche, während ihr Adel in den Reichsadel aufsteigen konnte. Ihr Nationalismus war inspiriert von Herder, der deutschen Romantik und Französischen Revolution, unterstützt von England, seit der Februarrevolution 1848 auch von der "Grande Nation" (Napoleon I.). Meist wollten fremdstämmige Untertanen vom Reichsvolk zunächst nur Autonomie. Wurde sie verweigert, radikalisierte sich ihr Nationalismus zur Unabhängigkeit in Sezession, die das ganze Reichsgefüge sprengen konnte: Zum Überleben hätten die Monarchien der Heiligen Allianz auch ihren Fremdvölkern Autonomie im Rechts- und Verfassungsstaat bieten müssen.

Aber Autonomie verweigerten ihren Fremdstämmigen sogar die beiden westlichen Musterknaben, das englische Parlament den katholischen Iren und calvinistischen Schotten, das fortschrittliche Frankreich mit ihrem Dogma der "nation une et indivisible" ("unteilbaren Nation") allen Bürgern jenseits der langue d'ouïl mit Zentrum in und um Paris. Erst recht war der (damals noch revolutionäre) Rechts- und Verfassungsstaat unvereinbar mit Absolutismus von Gottes Gnaden. Da auch das Arrangement mit Fremdvölkern der dynastischen Großmächte ausblieb, drifteten beide Hauptströmungen der Zeit – demokratisch-republikanischer Konstitutionalismus und Nationalismus – zusammen und rissen 1848 Dämme ein (4), im kontinentalen Großversuch für Pyrrhus-Siege der Völker seit dem Ersten Weltkrieg.

Systeminterne Machtkonflikte innerhalb der Pentarchie

Noch bevor schon 1815 angelegte interne Konflikte hinter Fassaden monarchischer Harmonie und Solidarität ausbrachen, stürzte harte machtpolitische Rivalität der Großmächte, die fromme Sprüche ihrer gekrönten Häupter nur verdeckt hatten, an gleich zwei Fronten die Heilige Allianz in die Krise. Einer winzigen, für Zeitgenossen kaum wahrnehmbaren Differenz scheinbar nur formalen Charakters entsprangen handgreifliche Interessenkonflikte und irreparable Risse: Nach dem Wiener Kongreß schlossen Rußland, Österreich, Preußen und England die Quadrupelallianz, ein Bündnis der vier Siegergroßmächte, formal zur Garantie des 2. Pariser Friedens 1815, der Sache nach zur Isolierung der fünften Großmacht der Pentarchie, des postrevolutionär-postnapoleonischen Frankreich. Aber die Heilige Allianz umfaßte nur die Mächte des Kontinents (außer Papst und Sultan), das besiegte Frankreich kam erst 1818 dazu, womit die Quadrupelallianz eigentlich schon erledigt war. England begnügte sich mit einer vagen Sympathieerklärung für die Ziele der Heiligen Allianz.

Zugleich zeigte sich die unlösliche Verquickung innerer und äußerer Faktoren in jeder Machtpolitik, Verfassungsfragen und Außenpolitik zwischen Krieg und Frieden:

1.) Eine neue Lage schufen Militärinterventionen der Heiligen Allianz 1821 und 1823, exekutiert von Österreich und Frankreich, gegen Nationalrevolutionen in Italien und Spanien: England verweigerte sich. Militärisch siegten die Interventionen mit überlegener Macht und stellten den Absolutismus wieder her, verletzten aber politisch das ureigene Prinzip der Restauration, Kompromiß zwischen Revolution und Reaktion. Auch änderte sich nichts an der Grundproblematik beider Länder – Aufbruch zum Risorgimento, dem italienischen Nationalstaat; strukturelle Dauermalaise Spaniens seit Abdankung als Großmacht im Pyrenäenfrieden 1659 bis zum Ende der Franco-Diktatur 1975. Folgen verschärften sich langfristig, jenseits des Atlantiks durch die Monroe-Doktrin 1823, ein weltbewegendes Kapitel für sich.

2.) Der griechische Unabhängigkeitskrieg 1821-29 zwang die Großmächte zur Stellungnahme und riß Machtkonflikte auf, die rasch die Heilige Allianz sprengten: Wien lehnte aus monarchischer Solidarität jede Hilfe für die Griechen ab (wie 1804 für die Serben, denen Rußland beisprang) und ließ ihren Aufstand vom Kongreß der Heiligen Allianz in Verona 1822 verurteilen. Frankreich aber, seit 1526/36 Verbündeter, später Schutzmacht des Osmanischen Reiches, seit 1789 Vorkämpfer des modernen Nationalismus, scherte nach der blutigen Rückeroberung der Peloponnes und Athens durch die Osmanen 1825-27 unter Druck des europäischen Philhellenismus aus seiner Schutzhaltung für den Sultan, gefolgt von Rußland. Beide schlossen sich England an, das schon früh die griechische Unabhängigkeit stützte, zur bewaffneten humanitären Intervention: Mit dem autokratischen Rußland verleugnete nun sogar die Vormacht der Heiligen Allianz zwei ihrer Grundprinzipien – Solidarität der Monarchen, Abwehr der (nationalen) Revolution.

Englands und Rußlands Motive waren konträrer Art: Englands Philhellenismus paßte zu seiner Rolle als zweite Schutzmacht europäischer Nationalismen gegen die konservativen Monarchien des Ostens/"Nordens". Das autokratische Rußland dagegen nutzte die nationalrevolutionären Griechen (wie seit 1804 Serben, später Armenier) als einheimische Speerspitze zur Destabilisierung des Osmanischen Reiches und Vollendung seines "Griechischen Projektes" von 1781 – Gründung eines griechischen Kaiserreiches in Konstantinopel als russischen Klientelstaat.

Schon der griechische Unabhängigkeitskrieg gab der Heiligen Allianz den Todesstoß: Nach Verona 1822 hielt sie keinen Kongreß mehr ab, Versuche, sie zu erneuern, scheiterten in europäischen Krisen. Sie verschied im 7. Russisch-türkischen Krieg 1853, mit Englands und Frankreichs Eingreifen 1854 zur Rettung des Sultans erweitert zum Krimkrieg – die Westmächte standen offen, Österreich in bewaffneter Neutralität verdeckt gegen Rußland. Dessen Drang nach Konstantinopel trieb England nach dem Frieden von Adrianopel 1829 zur Beendigung des 6. Russisch-türkischen Krieges, der fast schon die feindliche Übernahme des Osmanischen Reiches erzwang, zum folgenschweren Stellungswechsel: Mit Frankreich hielt es die Wacht am Bosporus, schon um Rußland vom Mittelmeer fernzuhalten, bis die Jungtürken 1908 Schutz am scheinbar mächtigeren Deutschland suchten.

Die Industrielle Revolution

Alle interne Widersprüche und Konfliktlinien waren, jede für sich, gar zusammen, schon brisant genug. Zusätzlich gebündelt und potenziert wurden sie durch umwälzende Wirkungen der von England seit ca. 1760, mitten im Siebenjährigen Krieg, ausgehenden Industriellen Revolution: 1815 hatte sie, vor allem über Belgien, schon den Kontinent erreicht, aber ohne daß selbst hellwache Geister schon ihre auch politisch revolutionierende Wirkungen erahnt hätten. Mit der Annexion der Rheinprovinzen, die Frankreich am nächsten standen, fast 20 Jahre lang von republikanischen wie napoleonischen Frankreich annektiert waren, verleibte sich Preußen sein "fortschrittlich" anrevolutioniertes, sich nun industrialisierendes (so nie genanntes) "Westelbien" ein, in untergründiger, bald auch vordergründiger Spannung zum sozio-ökonomisch rückständigen, politisch dominierenden Ostelbien.

Langfristig entzog die Industrielle Revolution ökonomisch, sozial und politisch (beschränkt konstitutionellen bis autokratischen) Monarchien die Basis, stärkte den Anspruch Bürgertum auf Mitsprache bis Dominanz und schuf mit dem Proletariat eine neue Klasse, deren Führer (meist aus dem Bürgertum) die soziale und politische Revolution betrieben, am umfassendsten Marx und Engels im "Kommunistischen Manifest" vom Januar 1848. Dazu verschärfte und verband die Industrielle Revolution interne Spannungen der Kronen mit Reichsvölkern und Fremdstämmigen, flossen in Folgerevolutionen seit 1830 soziale und politische Forderungen nach "Freiheit" zusammen – Rechts- und Verfassungsstaat für die kommende Staatsnation; Autonomie bis Unabhängigkeit für "nationale" Minderheiten.

Schon ökonomisch wirkte die Industrielle Revolution politisch subversiv: Der Rechts- und Verfassungsstaat forderte, nach englischem Vorbild, Planungssicherheit für Investitionen, nationale Einheit als gemeinsamen Markt der "National"ökonomie mit einheitlichen Münzen, Maßen und Gewichten, wie die 3. Strophe des "Deutschlandliedes" (1841) treffend umschreibt, heute erst wieder mühsam zu dechiffrieren: "Einigkeit (Nationalstaat mit Zentralregierung) und Recht und Freiheit (Rechts- und Verfassungsstaat) für das deutsche Vaterland (Deutscher Bund in den Grenzen des Alten Reiches bis 1806) sind des Glückes (materiellen Wohlstandes) Unterpfand" (Garantie). Autonomie oder Souveränität zog die Verfügung über Bodenschätze, Ressourcen, Wirtschaftspotential nach sich.

Jedoch waren die Mächtigen der Heiligen Allianz mit solchen Einsichten vor ihrem Untergang überfordert, und wir Nachgeborene können leichter nachträglich unbeabsichtigte Wirkungen ihres wohlgemeinten, aber insgesamt fehlgeleiteten Kalküls erkennen. Immerhin sah noch der alte Metternich, von der Märzrevolution 1848 aus der Macht verjagt, zu Beginn des Krimkrieges die Folgen einer Teilnahme am drohenden Großkrieg für das sich seit 1848/49 nur noch durchwurstelnde Österreich hellsichtig voraus: Wie auch immer der Krieg ausginge, stünde am Ende die soziale und nationale Revolution, die Habsburg nicht überleben würde. Metternichs direkte Nachfolger folgten 1854 seinem Rat und blieben neutral, verlängerten so aber die Agonie des Habsburgerreiches, vergaßen oder ignorierten sie 1914: 1918 traf genau ein, wovor Metternich 1854 gewarnt hatte – Untergang in der Revolution nach verlorenem Großkrieg. Aber selbst Wiens bewaffnete Neutralität gegen Rußland 1854 eröffnete die Rivalität beider dynastischen Kaiserreiche auf dem Balkan. Ihre konfligierenden Expansionslinien lösten über Sarajevo 1914 den Ersten Weltkrieg aus, der den USA den Weg zur Weltmacht ebnete, vollendet vom zweiten Akt der Selbstzerstörung Alt-Europas, dem Zweiten Weltkrieg samt Folgen – Dekolonisation, Kaltem Krieg, Ende der Sowjetunion 1989/91.

2. Asymmetrischer Krieg und Krieg gegen Terrorismus

Der Sache nach ist "asymmetrischer Krieg" älter, "Krieg gegen Terror" seit dem 11. September zur Rechtfertigung des Irakkrieges 2003 brandneu. 1815 war in Europa konventioneller Krieg noch relativ gezähmt, im modernen Massen- und Technikkrieg, mit dem US-Bürgerkrieg 1861-65 und den Balkankriegen 1912/13 als blutigen Vorspielen, mutiert zu "totalen" Weltkriegen. "Asymmetrischer Krieg" und sein dialektisches Pendant "symmetrischer Krieg" drängen zu weiteren Unterscheidungen – jeweils von oben und unten, wie Avers und Revers einer Münze.

Macht und ihre kriegsgeschichtliche Folgen: 3x Aristoteles

Objektive Kategorien und allgemeingültige Maßstäbe für ein rationales Verständnis der Machtgeschichte mit ihren komplexen Strukturen und Prozessen erfordern innere Distanz zum aktuellen Geschehen. Dazu ist möglichst weit zurückzugehen, bis zum archimedischen Punkt, den Aristoteles in seiner "Politik" als theoretischen Zugang zur strukturellen Erklärung der Macht anbietet, mit nach über 2300 Jahren taufrischen allgemeingültigen Einsichten, denn in der Machtgeschichte schlagen historische Mechanismen bis heute durch, auch im Zeitalter der Globalisierung.

1. Aristoteles definiert klassisch knapp "die Macht eines jeden Staates" durch "Quantität" und "Qualität", extrem komprimierte Kürzel komplexer Inhalte, Mega-Idealtypen zur Analyse der Realhistorie wie unserer brisanten Gegenwart: "Quantität" (Territorium, Bevölkerung) ist meßbar, "Qualität" komplexer– "Freiheit" (modern: Rechts- und Verfassungsstaat), "Adel" (= Funktionselite), Wohlstand, Bildung. Heute läßt sich die aristotelische Handreichung fortschreibend zuspitzen:

Zur "Qualität" gehört auch das Selbstwertgefühl einer Kollektividentität, der von Religion oder Ideologie sanktionierte Glaube an sich selbst, der Berge versetzen, aber auch Hybris erzeugen kann, die schon die alten Götter bestraften. "Qualität" zählt oft mehr als "Quantität". Die Aristoteles-Definition wird zur Faustregel – M(acht) = Quantität x Qualität², analog zur Leibniz-Formel für kinetische Energie, E = mv², erlaubt Orientierung über 5000 Jahre Machtgeschichte. Aristoteles meinte nur den eigenen Staat, die griechische Polis, wo es nur "Freiheit" in seinem Sinne gab; heute gilt jedoch seine Formel für alle Faktoren Weltgeschichte.

2. Der nächste Schlüsselbegriff findet sich auch schon bei Platon – "Pleonexia", Mehrhabenwollen von Macht (und Geld), Machtmonopol durch Ausschaltung anderer Machtzentren im Aufstieg zu Groß- und "Welt"reichen, die bisher nur ihre bekannte Welt beherrschten. Aber der Zwang zu steter Eroberung, deren Ende sich Herrschende auf ihrem Höhepunkt gar nicht vorstellen können, endete noch stets im "imperial overstretch" (Paul Kennedy) (5): Niederlagen an der Peripherie, Aufhören von Beute und Tributen, Schuldzuweisungen eröffnen Krisen und Umsturz (heute: Revolutionen): "Tout empire périra" (6) (jedes Imperium geht unter). (7)

3. Prinzipien, die einen Staat groß machen, führen auch zu seinem Untergang, sinngemäß zu konkretisieren durch einseitige Verabsolutierung, wie in selbstzerstörerischer Dialektik von Pleonexia und Machtexpansion: Aus "Sinn wird Unsinn, Wohltat Plage. Wehe Dir, daß Du ein Enkel bist!" (Goethe, Faust I).

Asymmetrischer und Symmetrischer Krieg, von oben und unten:

Der neue Leitbegriff "asymmetrische Krieg" umschreibt bei uns seit dem Symboldatum des 11. September irreguläre Feindseligkeiten, die immer terroristischer werden. Jedoch gab es schon stets in der Kriegs- und Militärgeschichte eine Differenz, die der 11. September erst auf den Begriff brachte: Gemeint war im Westen nur "asymmetrischer Krieg" von unten, gegen die eigene Seite, vorrangig die USA (8). Erst jüngstes Erschrecken im weltweit dominierenden "Westen" über die "neuen" "asymmetrischen" Kriege (von unten) zeigt, daß unser Bild vom Krieg seit Beginn der Zivilisation und imperialer Machtzentren im Alten Orient vom symmetrischen Krieg geprägt ist (9) – reguläre Kriege regulärer, in der Neuzeit uniformierter Armeen, Kriegserklärungen, rangierte Schlachten, die in Geschichtsbücher und Straßennamen der Sieger eingingen, Waffenstillstände und Friedensschlüsse. Kriegführende standen, zivilisatorisch wie militärisch, auf gleicher Augenhöhe, zu Fuß, Pferd oder Streitwagen, zu Lande und Wasser.

Zivilisierung des Krieges zwischen Staaten im zivilisierten Europa seit dem 18. Jahrhunderte institutionalisierte sich in Genfer Rotkreuzkonventionen zur Behandlung von Verwundeten und Kriegsgefangenen seit 1864. Die Haager Landkriegsordnung 1907schreibt u.a. formelle Kriegserklärungen zwingend vor, gebietet der Besatzungsmacht, die öffentliche Ordnung in besetzten Gebieten aufrechtzuerhalten, Eigentumsrechte der Bewohner zu wahren. Hinzukamen nach 1945 Urteile der Nürnberger und Tokioer Kriegsverbrecherprozesse, 1948 die UN-Konvention "zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord".

Weitgehend unbemerkt, tobten daneben oft auch (bisher so nie genannte) "asymmetrische" Kriege (10), dialektische Analogie zum "symmetrischen Krieg". Die Kodifizierung des internationalen Kriegsrechts seit der Haager Landkriegsordnung 1907 zog zu ihm sogar scharfe Grenzen – Kämpfer außerhalb regulärer Armeen müssen zumindest eine gut erkennbare Armbinde tragen und einer klaren Befehlsstruktur unterstehen; sonst droht ihnen Standrecht durch Erschießen.

Für beide Kriegsarten nützlich wird die Unterscheidung von oben und unten. Schon Aristoteles erschließt strukturelle Gründe für "asymmetrische" Kriege, denn Folgen aus seiner Quantität-Qualität-Relation sind bestürzend: Großreiche/mächte waren/sind stark durch Quantität und Qualität. Asymmetrie zivilisatorischer "Qualitäten" machte ihre Konflikte mit fragmentierten Völkern der Peripherie automatisch zu asymmetrischen Kriegen – von oben durch erdrückende militärische Überlegenheit, von unten als einzige Waffe auf dem offenen Schlachtfeld sonst hoffnungslos Unterlegener, auch ohne theoretische Systematisierung durch Mao-tse Tung, erst recht wenn zivilisiert-imperiale "Übermenschen" in "Arroganz der Macht" (Fulbright) auf verachtete "wilde" oder "barbarische" "Unter"- bis "Nichtmenschen" trafen. "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer" – Indianer wurden in den USA erst 1924 als Menschen anerkannt, Aborigines in Australien 1964, "Buschmänner" (San) in Südafrika nach dem Sturz der Apartheid 1994.

Asymmetrische Kriege von oben erhielten selten Namen (u.a. "Germanen-", "Indianer-", "Kaffernkriege" Roms, der USA, Südafrikas), dagegen moderne asymmetrische Kriege von unten in der "zivilisierten Welt" – Guerrilla ("Kleinkrieg") seit Spaniens Volkswiderstand gegen die französische Eroberung 1808; Franctireurs im deutsch-französischen Krieg 1870/71 und zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 in Belgien; Kommandos im Burenkrieg gegen Englands militärische Übermacht 1901/2; Partisanen im Zweiten Weltkrieg gegen die Achsenmächte, die nur "Banden" kannten; nach 1945 nationale oder koloniale Befreiungskriege.

Stets nutzten "asymmetrische" Krieger von unten taktische Vorteile schützender Rückzugsgebiete (Wüsten, Sümpfe, Wälder, Gebirge) und der Nacht zu Überfällen "aus dem Hinterhalt", gelegentlich mit imperialer Kriegstechnik, wie in der Varusschlacht 9 n. Chr. in Germaniens Sümpfen und Wäldern unter dem als römischen Offizier kriegserfahrenen Arminius ("Hermann dem Cherusker"). So teil(t)en sich Eroberer/Besatzer und Widerstand notgedrungen Raum und Zeit – Städte, befestigte Stützpunkte, (von Eroberern oft erst gebaute) feste Straßen, später Eisenbahnen am Tage den im asymmetrischen Krieg von oben Überlegenen; die Weiten ihrer Rückzugsgebiete auch bei Tag, sonst Städte und Verbindungswege auf dem Lande bei Nacht den Unterlegenen: Asymmetrischer Krieg von oben und unten unterscheidet sich wie Tag und Nacht, trifft sich aber in einem Punkt zu tödlicher Parität und Symmetrie: Sie sind ohne Grenzen, ohne für den "Feind" erkennbares Gesicht, wenn er sich vermummt oder mit Tanks, Flugzeugen und Raketen aus dem Weltall zuschlägt, zu jeder Zeit, an jedem Ort, rücksichtslos.

Terror, von oben und unten

Der Versuch zur theoretischen Klärung des Terrors ist keine Apologie, sondern soll seine dialektische, sich wechselseitig steigernde Verschränkung mit Widerstand erklären: Eskaliert haushohe militärische Überlegenheit im regulären Krieg zum Staatsterror von oben (nach außen als Eroberung, nach innen als Zwangsassimilierung), provoziert er Widerstandsterror von unten, ebenfalls mit Mord und Totschlag, Massakern als Massentötungen Unbewaffneter. Die sie steuernden Mechanismen trieben in unzähligen Varianten nach Raum, Zeit und historischen Voraussetzungen zu mehr Gewalt, bedrückend universal mit todbringender Präzision.

"Terror" geht zurück auf den jakobinischen "Terreur" 1793/94, sogar als Selbstbezeichnung, später übertragen auf ältere Vorgänge im alten Rom und in Byzanz. Im 20. Jahrhundert wurde "Terror" politischer Kampfbegriff ("bolschewikischer", der sich selbst in die Tradition des jakobinischen stellte), NS-Terror im Dritten Reich, von dessen Gegner so zur Selbstverteidigung bezeichnet, nach 1945 auch andere Terrorregime, so Saddam Husseins im Irak. Jakobinischem und bolschewikischem "roten" Terror folgten "weißer" Gegenterror. Heute dient "Terrorismus" zur Stigmatisierung jeglichen noch so legitimen Widerstands von unten.

Im Widerstand nach außen und innen gegen Eroberung wie Repression wirkt ein Gewirr sich wechselseitig überlagernder Dialektiken terroristischer Gewalt: Widerstandsterror von unten gegen "Staatsterror" von oben verschärft Staatsterror, der Widerstandsterror meist radikalisiert. Arroganz der Macht und Machtrausch der Pleonexia treiben in selbstgemachte Staatsterror-Widerstand-Todesmühlen, in tödlichem Haß. Dann werden sogar Unterschiede der inneren Struktur im Spektrum zwischen totalitären und demokratischen Besatzern/Assimilanten sekundär, wenn Unverhältnismäßigkeit staatsterroristischer Mittel im schon ritualisierten Wechsel von Terror und Gegenterror, Vergeltung und Rache ad infinitum dieselbe Wirkung zeitigt: Selbst kurzfristige militärische "Erfolge" zerrinnen "Siegern" mit moralischen und ökonomischen Verlusten. Frankreich zahlte nach 1945 zweimal bitter für die Lektion, in Vietnam und Algerien (danach machten beide "Sieger" analoge Erfahrungen), die USA in ihrem Vietnamkrieg und nun im Irak.

Wo bei Unterlegenen Kräfte mit Siegern kooperierten, glitt Widerstand gegen Eroberung und/oder Repression in Bürgerkriege, traf (und trifft) Widerstandsterror auch eigene Volksangehörige, die mit dem "Feind" "kollaborierten". Spätestens dann schwinden im asymmetrischem Krieg von unten endgültig (ohnehin weitgehend virtuell-fiktive) Grenzen zwischen "legitimen" militärische Zielen (Eroberer, Besatzer; Repressionsorgane) und Terror gegen das eigene Volk. Es bleibt die moralische Verantwortung der Mächtigen, die mit (noch so edel begründetem) "asymmetrischen Krieg" von oben die Situation schufen – blutige Verzweiflungstaten im "asymmetrischen Krieg" von unten. Ein bedrückendes Beispiel bietet das moderne Jugoslawiens mit Ketten sich einander bedingender Eroberung und Repression, wechselseitiger Massaker und ethnischer Säuberungen. (11) Selbst der Partisanenkrieg im Zweiten Weltkrieg enthielt mit Kämpfen zwischen Titos kommunistischen Partisanen und royalistischen Chetniks, 1945 Massakern der siegreichen Partisanen (meist vom Lande stammend) an Städtern, die den Widerstand nur lau oder gar nicht unterstützt hatten, auch Elemente des Bürger- und Klassenkrieges.

Nach 1945 ist palästinensischer Terror logische Antwort auf gewaltsame Ausbreitung des Staates Israel, militärische Eroberung, Terror-Massaker (Deïr Yassin 1948), Enteignungen und Vertreibungen, nach dem Sechstagekrieg auf Verweigerung eines palästinensischen Staates und Konfiszierung von Boden zum Bau strategischer Siedlungen in den besetzten Gebieten als selbstgelegte Brandsätze. Die Eskalation im "Heiligen Land" haben Kulturzionisten um Martin Buber schon vor einem Jahrhundert als Folge des nationaljüdischen Zionismus hellsichtig vorausgesagt. Ähnlich wehr(t)en sich Kurden gegen türkischen, Tschetschenen gegen russischen, Kaschmiri gegen indischen, Iraker gegen US-Staatsterror, usw, usw.

Scharf davon zu trennen ist moderner Terror in Verfassungsstaaten als Protest gegen (angebliche oder wirkliche) Mißstände im eigenen Lande oder anderswo, von klassischen Anarchisten des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur RAF in der Bundesrepublik und Nachfolgeorganisationen, "Roten Brigaden" in Italien (12). "Widerstand" gegen meist persönlich gar nicht erlittene, sondern nur abstrakte empfundene Ungerechtigkeit schlug in totalitär-terroristische Gewalt als Selbstzweck um, die noch so noble Vorsätze ins Gegenteil kehrte, um für die eigene "Sache" weltweit Aufmerksamkeit zu gewinnen. In der historisch-politischen Realität können sich beide Stränge des Terrorismus zu einem Zopfmuster terroristischer Gewalt vereinen, wie deutsche Gruppen mit Affinität zu und logistischer Unterstützung von palästinensischen Terrorgruppen, die im "nationalen" Widerstand gegen Israel begannen, oder nun auch im von den USA eroberten/"befreiten" Irak seit 2003.

Ein Kapitel für sich ist der islamistische Jihad-Terror gegen die USA zur Ausweitung der "Pax Islamica" (= dhar-al-Islam = Haus des Friedens), Osama bin Laden sein kommender Kalif, Nachfolger Mohammeds, der gläubigen Muslimen auf einem Schimmel in der Schlacht voransprengt, wie ihn islamistische Propaganda malt. Ausbildungslager der al-Quaida und anderer islamistischen Gruppen sind moderne Fortsetzungen des "ribat" (Wehrkloster), in dem regionale Erneuerer des Islams bewaffnete Anhänger sammelten, bevor sie im "Jihad" einen theokratischen Gottesstaat mit eigener Dynastie gründeten. Jihad-Terror geht formal von unten aus, ist aber im vorauseilenden Gehorsam gegen Allah, vorweggenommener theokratischer Staatsterror von dann oben gegen "Ungläubige" und Abweichler, die als laue oder "falsche" Muslime, gar Apostate, ohnehin dem Tode verfallen sind; "Jihad"-Terror ist stets auch innermuslimischer Bürgerkrieg, nährt sich propagandistisch aus Gewalt Nicht-Muslimer gegen Muslime, übersieht aber muslimische Gewalt gegen Muslime (Kurden) wie Christen (Nordnigeria, Indonesien).

Jüngste Kombinationen archaischer und hightech-Methoden gegen Zivilisten – entführte Passagierflugzeuge als Lufttorpedos auf "weiche" Ziele, Selbstmörder-Autobomben, weltweit ausgestrahlte Enthauptung Entführter, Geiselnahme und Ermordung von Kindern – lösen sich weiter vom seit dem 18. Jahrhundert in Europa eingehegten "zivilisierten" Krieg, werden zuletzt nur noch kriminell, jüngst in Beslan (Nordossetien). Mit Präventivschlägen zerbomben die USA, bald auch Rußland, letzte Reste des mühsam errungenen Völkerrechts.

Andererseits sind jüngste Grausamkeiten unmenschlich und menschlich zugleich: Menschen in Verzweiflung reagieren nun einmal so. Jeder verantwortungsbewußte Verantwortliche sollte realistisch damit rechnen, bevor sein Staatsterror von oben die Terrorspirale eröffnet. Je höher die Prinzipien, auf die sich eine Macht beruft, desto größer muß die Übereinstimmung zwischen Zielen und Mitteln sein. Demokratische, gar christliche Staaten verletzten mit Staatsterror von oben, in Umkehrung des Kantschen kategorialen Imperativs, das allgemeine Völkerrecht und ihre eigene Glaubwürdigkeit, diskreditieren sich moralisch und delegitimieren sich eigenhändig, erst bei ihren "Feinden" (die im Zweifel spiegelbildlich entsprechend handeln), dann bei ihren Verbündeten, zuletzt auch beim eigenen Staatsvolk.

Widerstand und Terror

Im Wust widerstreitender Emotionen erschließt sich dem Historiker am ehesten ein Strang des Terrors – Widerstand gegen Eroberer, wie seit dem Guerillakrieg in Spanien gegen Napoleon I. 1808-13, gegen assimilierende Repression in modernen Nationalstaaten, von armenischen "Terroristen" 1895 bis Aceh und Ost-Timor (Indonesien), Darfur (West-Sudan) 2004. Dort wurde niemand als Terrorist geboren, sondern terroristische Gegengewalt von unten ist hausgemacht, vom Staatsterror in Repression legitimer Forderungen, wie besonders Israel/Palästina, Tschetschenien mit seinen "schwarzen Witwen und Irak zeigen, begünstigt durch eine Religion, die gewaltsame Durchsetzung eigener Ziele predigt oder impliziert.

Hier beginnen neue Probleme: Wat dem eenen sin "Terrorist", "Bandit", "Separatist", is dem andern sin "Widerstands- und Freiheitskämpfer", gar "Held". Klassisches Beispiel sind die "Siccarier" (lat.: "sicca" = Dolch) der Juden zur Zeit Jesu, der bewaffnete Arm der Zeloten (= "Eiferer"), die jüdische "Kollaborateure" in Massenansammlungen bei hohen jüdischen Feiertagen erdolchten, weshalb sie griechisch "lestai" = "Mörder" hießen, auch in der Passionsgeschichte. Ihre modernen Nachfahren, "Irgun" und "Stern-Bande", galten mit Anschlägen gegen Araber und die britische Mandatsmacht als "Terroristen", wurden im Staat Israel durch Pensionsberechtigung Kämpfern der "Haganah" gleichgestellt und rehabilitiert, konnten sich mit der "Cheruth" (=Freiheits)-Partei politisch organisieren, Kern des seit 1977 in wechselnden Koalitionen meist regierenden Likud-Blocks. Der heutige Ministerpräsident Ariel Scharon, seinerzeit eigentlicher Gründer des Likud-Blocks, begann seine militärische Karriere als Kommandeur einer Sondereinheit, die gezielt "Vergeltungs"- und Racheschläge gegen Araber führte, oft in Überschreitung oder Mißachtung der Instruktionen von seinen politischen Auftraggebern, wenn sie ihm zu lasch waren. Palästinensischen Widerstand im Gazastreifen gegen Israels Besatzung nach 1967 brach er mit militärischem Staatsterror von oben, der ihm Jahre später als fundamentalistischem Gegenterror von unten entgegenschlägt, den er, in der inzwischen weltbekannten Terror-Spirale, nur mit noch mehr Staatsterror von oben zu brechen versucht. Ergebnisse lassen sich an der bisherigen Terror-Geschichte ablesen – mehr Terror von unten und oben.

So schwankt auch das Bild anderer "Terroristen" und "Freiheitskämpfer": Vorläufer moderner Balkan-Partisanen, Hajduken (=Banditen) bei Serben und Kroaten, Klephten im osmanischen Griechenland, waren stets Räuber und Rebellen, individuell wie kollektiv in "Banden". Der Führer des Serbischen Aufstandes 1804 im Osmanischen Reich, Karadjordj, verdiente seine militärischen Sporen im 8. Türkenkrieg 1788-91 im österreichischen Hajdukenkorps. Komitadschi-Kämpfer, von halbstaatlichen "Komitees" der Balkanstaaten ausgerüstete irreguläre Verbände, die in einem kretischen Städtchen noch heute ein Denkmal glorifiziert, terrorisierten im Makedonischen Aufstand 1903-08 und in den Balkankriegen 1912/13 nichtgriechische, -serbische, -bulgarische Zivilbevölkerung. Ins Wechselbad kollektiven Gedenkens von "Terrorist" und "Held" geriet auch die Attentätergruppe "Jung-Bosnien" von Sarajevo 1914, für einen deutschen Historiker besonders bewegend, wenn er, mit Deutschlands Anteil am Ersten Weltkrieg beginnend, den letzten Attentäter noch persönlich kennenlernte, in Belgrad und Sarajevo 1974/75 gar in situ. Nach 1945 setzte sich gespaltene Benennungen fort, je nach politisch-ideologischer Parteinahme für oder gegen Polens "Armija Krajowa" (Heimat- = Untergrundarmee), antikommunistische Kämpfer in der Ukraine und den baltischen Staaten nach dem Sturz des Sowjetimperiums 1989/91. Erst recht sind heute in muslimischen Ländern Kämpfer im asymmetrischen Krieg von unten den Regierenden und dem Westen "Terroristen", ihren Anhängern Freiheitskämpfer, die nach ihrem Tod als muslimische Märtyrer ins Paradies aufsteigen, belohnt mit allen irdischen Wonnen. Dennoch bleibt Widerstandsterror Terror.

II. Weltmacht USA und ihre "Globalisierung"

Die Analyse der dominierenden Welt-Supermacht USA als Haupt der Neuen Heiligen Allianz fällt historisch aus, denn auch sie bestimmen historisch-politische Mechanismen der Vergangenheit wie Gegenwart und nächsten Zukunft.

1. Aufstieg der USA: Von der Peripherie zum globalen Machtzentrum

Das neue US-Machtzentrum begann seinen Aufstieg als englische Kolonien an der Ostküste Nordamerikas, der äußersten, transatlantischen West-Peripherie ("Frontier") des seit 1492/98 in Übersee expandierenden lateinischen Alt-Europa. Der kommenden Weltmacht legten ihre kolonialen Vorväter schon die imperiale Expansion in die Wiege, denn das englische Kolonialreich sahen seine aktivsten Vorkämpfer als Gegenreich zur damaligen Supermacht Spanien, vorübergehend (1580-1640/68) gar vereint mit dem portugiesischen Kolonialreich. Seit ihren kolonialen Anfängen expandierten die junge USA im Schutz zweier Ozeane gefahrlos in ein riesiges Machtvakuum, ohne ernsthafte, gar gleichrangige Gegner, allen nach Quantität wie Qualität ökonomisch, technisch, politisch, militärisch turmhoch überlegen, in aller Freiheit in "God's own country", schier grenzenlos, ohne Rücksicht auf Indianer, spanisches Kolonialreich und postkoloniale Nachfolgestaaten, nur dem Gesetz eigener Interessen folgend, ungehemmt und hemmungslos.

Zur Unabhängigkeit gab das von den Bush-Imperialen verachtete Alt-Europa gegen die englische Kolonialmacht entscheidende Starthilfe: Ohne (geheime, dann offene) Finanz- und Waffenhilfe Frankreichs, ohne Rußlands bewaffnete Seeneutralität 1780-83, der sich Frankreich, Spanien, Dänemark, Schweden, Preußen und Portugal anschlossen und Englands Seeherrschaft lahmlegten, hätten die aufständischen USA nicht den entscheidenden Sieg von Yorktown 1781 errungen. Personal, technisches Können und Kapitel Alt-Europas ermöglichten den Aufstieg der USA zur größten Industriemacht schon um 1850, buchstäblich auf der Grünen Wiese.

Von der Monroe- zur Bush-Doktrin, 1823-2003

Die Verständnisbrücke von der Alten zur Neuen Heiligen Allianz liefert die zunächst übersprungene Monroe-Doktrin von 1823 samt Folgen: List, Ironie oder Dialektik der Weltgeschichte fügen es, daß die Macht, die 1823 kurzfristig direkt wie langfristig indirekt von Englands Widerstand gegen die Intervention der Heiligen Allianz in den Kolonial/Befreiungskrieg der spanischen Kolonien Lateinamerikas am meisten profitierte, nach fast 200 Jahren als einzig übriggebliebene Weltmacht zum Haupt der Neuen Heiligen Allianz mutierte. Daher gewann die Heilige Allianz welthistorische Wirkung durch die Monroe-Doktrin, die scheinbar nur "peripher" und nebensächlich erst spät ins allgemeine Bewußtsein der übrigen Welt trat (13): Nach Niederschlagung der Spanischen Revolution 1823 drohte eine Militärintervention der Heiligen Allianz auch in den Unabhängigkeitskrieg der spanischen Kolonien zugunsten der 1814 zurückgekehrten, 1823 neu eingesetzten (absoluten) Krone. Gegen die Übertragung europäischer Machtinteressen in die Neue Welt mobilisierte Englands Außenminister Castlereagh seine früheren, vom englischen Mutterland abgefallene Kolonien, die junge USA, und ermunterte sie zur Monroe-Doktrin 1823, zusammengefaßt im populären Schlagwort: "Amerika den Amerikanern", schon durch den Begriff "Doktrin" mit dem Anspruch auf "Prärogative der Unfehlbarkeit" (S. 101) jeder Kritik enthoben. Die Wirkung erschien kurzfristig unspektakulär: Die Heilige Allianz zuckte zurück, beschränkte sich fortan auf Europa. Aber langfristig wurde der Vorgang Sprungbrett für die auf dem nordamerikanischen Kontinent nach Westen expandierende USA, fliegender Start zum weltweiten Aufstieg. Zugleich begann ihre "special relationship" zu England, von zwei Weltkriegen bis zu Tony Blairs Engagement für den 2. US-Irakkrieg.

1823 war die Reichweite der Monroe-Doktrin begrenzt: Die USA widersetzte sich jedem militärischen Übergreifen der europäischen Kolonialmächte auf die Neue Welt. Aber schon im 19. Jahrhundert steigerte sich ihre Wirkung zur faktischen, "panamerikanisch" verschleierten Hegemonie der USA über Zentral- und Südamerika samt Karibik als ihrem "Hinterhof ". Ein Instrument der Expansion waren US-Wirtschaftsinteressen in schwachen südamerikanischen Staaten, die so indirekt in die Herrschaft der übermächtigen Wirtschafts- und Dollarmacht gerieten, überhöht zum "National Interest". Dessen Schutz dienten US-Militärinterventionen, durch US-Flotte und Marineinfantrie. Beim Gewinn Floridas 1819 und Texas 1845/48, heute die politische Machtbasis von Bush jr., zeigte sich die Kombination von ökonomischer Infiltration, Subversion, pseudodemokratischer "Revolution" (auch zur Ausdehnung der Slaverei), bewaffneter Intervention, Krieg und Annexion:

"Texas ist wiederum ein klassisches Beispiel für die Untergrundarbeit, die es während der frühen amerikanischen Expansion bereits gab – für die Unterminierung fremder Souveränität, die Herausbildung einer Separatistenbewegung, schließlich die gewaltsam erkämpfte Abtrennung." (14)

Anders manipuliert waren die Entfesselung des Amerikanisch-spanischen Krieges 1898, "Revolutionen" in Hawai und Panama zur Gewinnung Hawais 1898 und der Panama-Kanalzone von Kolumbien 1903 durch eine von den USA eingesetzte Regierung des "unabhängigen" Panama. Eine nicht unfaire Fortschreibung der erweiterten Monroe-Doktrin kann heute so lauten: "Amerika den USA". Auf dem Weg zu den Zukunftsmärkten im Fernen Osten wurde aus der "Open Door Policy" (1900) der stillschweigende Anspruch auf China, wie die laute Klage über den "Verlust" Chinas durch die kommunistische Revolution 1949 belegt, die der extremen Rechten mit Joseph McCarthy quasi-totalitären Freiraum gab.

Außerhalb Nordamerikas hielten sich direkte Annexionen auf dem Weg vom Atlantik zum Pazifik in scheinbar isoliert engen Grenzen. Aber der Gewinn pazifischer Inseln (Hawai, West-Samoa 1898; Philippinen 1898, in der Karibik Besetzung Kubas und Puerto Ricos 1898, nach 1945 UN-Treuhandgebiete, Militärbasen, nach 1945 bis Guam, Japan und Südkorea), machten diskret auch den Pazifik zum US-Mare Nostrum. Zudem eliminierten die USA schwächere regionale Hegemonieaspiranten in zwei Weltkriegen, im Kalten Krieg die Supermacht Sowjetunion (15): Wie alle große Machtzentren der Weltgeschichte führten die USA Kriege und Militärinterventionen, stationierten Militär in Friedenszeiten außerhalb des eigenen Landes, kannten Krieg zu Hause eigentlich nur durch den Bürgerkrieg 1861-65.

Ein Erfolgsgeheimnis war, im "aufgeklärten Egoismus" ("enlightened egotism": F.D. Roosevelt), die geniale Verknüpfung des machtpolitischen "National Interest" mit dem Schutz kleinerer Völker vor Vergewaltigung durch brutale Übermacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg schützten die USA im Kalten Krieg als "gütiger Hegemon" (Geir Lundestad) Westeuropa vor der Sowjetexpansion über die Demarkationslinien von 1945 hinaus. Spätere Doktrinen – Truman 1947, Eisenhower 1958 zu Bush jr. 2001 – erweiterten die anfangs "nur" auf Amerika begrenzte Monroe-Doktrin um den Anspruch auf imperialen "Schutz" des (nicht-kommunistischen) Europa, Interventionen im Nahen Osten mit seinen Erdölquellen.

Symbole und Machtmittel zugleich sind zahlreiche faktisch exterritoriale US-Militärbasen auf fast dem gesamten Globus, nach dem Zerfall des Imperium Sovieticum 1989/91 auch in GUS-Staaten, auf dem Gebiet der ex-Sowjetunion. Sie üben indirekt politische Herrschaft aus und besorgen als enorme Wirtschaftsfaktoren die Ausbreitung des "American way of life" durch Zerstörung traditioneller Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen: Faktischer "Schutz"anspruch der auch im Kalten Krieg nun einzigen Weltmacht greift auf den "Rest der Welt" über, geschrumpft zur globalen Peripherie oder "Frontier" der "Number One".

Das Imperium Americanum: Globale Thalassokratie und Viertes Rom

Machthistorisch fügt sich unsere demokratische "Number One" in ganz andere Traditionen: Die Pax Americana gegen die Pax Sovietica hatte, wie noch jede imperiale Friedensordnung, als Kehrseite das Imperium Americanum zur Grundlage. Die Geschichte kennt zwei reine, konträr-komplementäre Idealtypen von Imperien, in der historischen Realitäten gemischt mit Elementen des Gegentyps – Land- und Seemacht (Thalassokratie). Schon im auslaufenden Kalten Krieg ließen sich beide dominierende Supermächte dem einen oder anderen Typ zuordnen, mit entsprechenden Traditionen und Kontinuitäten:

"Die USA ähneln eher einer Thalassokratie vom Typ Athens oder Venedigs, oder auch Portugals, nun aber ins Globale gewendet, aber mit einer breiten, fast schon kontinentalen Territorialbasis. Die USA wuchsen aus dem englischen Kolonialreich, dem größten Übersee- und Kolonialreich der Weltgeschichte, heraus und übernahmen nach 1945 weltpolitisch seine Positionen, soweit es die veränderten Bedingungen eben zuließen. Die SU dagegen gleicht mit ihrer straffen Zentralisierung und Militarisierung traditionellen Kontinentalmächten – Sparta im kleinen, Assyrien im großen. Nicht zufällig erinnert sowjetische Praxis immer wieder an Großreiche, die die Vorgeschichte der heutigen SU so unterschiedlich geprägt haben, in chronologischer Reihenfolge die mittelalterliche Kiewer Rus; Byzanz, das seinerseits in einer bis auf Assyrien zurückgehenden imperialen Tradition steht; das Mongolenreich, das größte Landreich der Weltgeschichte, bzw. die Tatarenherrschaft; das zaristische Rußland." (16)

Die USA ordnen sich in die Kette älterer See-, Handels- und Finanzmächte ein, von Mykene und den Phönikiern samt Karthago über Athen mit seinen beiden Attischen Seebünden im 5. bzw. 4. Jahrhundert v. Chr., Venedig, Portugal und Holland, zuletzt dem Britische Empire als unmittelbaren Vorgänger des Imperium Americanum. Zur traditionellen Flotte traten im 20. Jahrhundert Luft- und Raketenflotten, mit jeweils dem dernier cri "smarter" Hightech-Wunderwaffen, konventioneller wie atomarer, mit Bomben und Granaten auch aus dem Weltraum.

Gleichwohl sind USA mehr als globale Thalassokratie mit Luft- und Raketenflotten: Das "American Empire" vergleicht sich selbst durch Sprecher und Vordenker gern mit dem Imperium Romanum, das überwiegend Land- und Kontinentalmacht war, aber mit starker Flotte. So zeichnet sich das römisch modifizierte Imperium Americanum durch Einzigartigkeiten aus, die welthistorisch seine Sonderstellung begründen: Äußere Attribute sind der römischen Tradition bewußt entnommen – das Staatswappen prangt mit dem imperialen Adler, der ein Bündel Blitze samt Friedenspalme in den Fängen hält, unter sich die Weltkugel und das lateinische Motto "Novus Ordo Seclorum" ("Neue Weltordnung"), der römischen Reichsideologie aus Vergils "Aeneis" verkürzt nachempfunden. (17) Seine klassizistische Staatsarchitektur vor allem in Washington D.C. mit dem "Kapitol" und seiner hochragenden Kuppel als Macht- und Herrschaftssymbol, "Leuchtturm für die erniedrigte und unterdrückte Menschheit", der "Senat" machen die USA zum Vierten Rom, nach Konstantinopel als Zweitem, Moskau als Drittem Rom. Washington D.C. war bei seiner Gründung 1790/91 konzipiert für einen Großstaat mit 50 Bundesstaaten und 500 Millionen Einwohnern, auch in seinen Dimensionen als nächstes Neu-Rom, das der Welt die "Neue Weltordnung" bescheren würde, wie Präsident Bush sen. 1991 nach dem 1. Irakkrieg stolz verkündete. Aber anders als das Römische Reich und traditionelle Imperien beruht die globale Macht der USA nicht auf weltweiten Annexionen und anschließende systematisch erzwungener Assimilierung, sondern bevorzugt eine Fülle von den USA abhängiger Klientelstaaten und den osmotischen Druck des "American way of life" als US-Variante seiner "mission civilisatrice", wie sie noch jedes Imperium entfaltete.

Erst der "präventive" Bushkrieg gegen den Irak machte einer verstörten Welt bewußt, was vorher schon Gelehrte, so der französische Soziologe Raymond Aron, wußten – die USA als "Imperiale Republik" (18): Seit dem Sturz des Imperium Sovieticum 1989/91 enthüllt sich heute die einzig übriggebliebene Weltmacht als das, was sich früh phantasiereiche Träumer wünschten: Das "American Empire" ist tatsächlich das "größte Imperium, das jemals bestanden hat", an der damaligen transatlantischen Peripherie Alt-Europas westlichste Endstation Sehnsucht des klassischen Wanderns der Großreiche von Ost nach West: "Westward the course of empire takes its way" (Bischof Berkeley, 1726). Hauptinstrumente sind das Übergewicht der US-Wirtschaft, der Dollar, seit 1945 Weltleitwährung, direkte wie Militärinterventionen, der Einsatz US-"Special Forces" gegen geltendes Völkerrecht bis hin zu unerklärten Kriegen: Vietnam- und 2. US-Irakkrieg 2003 waren bisher nur die offenste Form sonst bevorzugter indirekter Gewalt, auch durch abhängige Klientelstaaten, oft Diktaturen, mit Staatsterror von oben gegen das eigen Volk.

Die Alternativen der Number One seit 1991: Multi- oder Unilateralismus

Der Untergang des Sowjetimperiums 1989/91 eröffnete dem "Sieger" im Kalten Krieg theoretisch zwei Alternativen, die sich praktisch einander ausschlossen – kooperativer Multilateralismus oder konfrontativer Unilateralismus: Eine globalisierte Ausweitung der USA als (für den industrialisierten Westen und Japan) "gütiger Hegemon" nun auf die ganze Welt, eine friedlich-schiedliche US-Weltpolitik, die das Wohl des Ganzen, auch zur Wahrung des Weltfriedens, mit wohlverstandenen legitimen, "aufgeklärten" Eigeninteressen verbunden hätte, wäre, selbst mit den USA als "Weltpolizist" im Dienste der UNO, konstruktiv bis erträglich gewesen. Voraussetzung waren Stärkung der UNO, pflegliche Behandlung der NATO-Verbündeten, Rücksicht auf legitime Interesse den "Rest der Welt" in verantwortungsbewußter zivilisierter Anwendung nur auf Zeit verliehener Macht.

Im Schock des 11. September stürzten sich die Bush-USA in die Gegenalternative – Unilateralismus des "America First", verführt von der selbstzerstörerischen Logik des rasanten Aufstieges der "Number One" von der Kolonialperipherie zur himmelstürmenden Supermacht: Die Dynamik der Pleonexia und des nur noch national-egoistischen "National Interest" (Öl, Geopolitik) treibt sie im Griff zu den Sternen, mit "Star War" buchstäblich im und vom Weltall aus, zur (öffentlich nie zugegebenen) Weltherrschaft, auch gegen die überwältigende Mehrheit der Weltmeinung, gestützt auf ihre finanzielle und militärische Übermacht des "shock and awe", ohne Rücksicht auf Verbündete und den "Rest der Welt". "Krieg gegen den Terror" gerät zur globalisierten hightech-Neuauflage der Heiligen Allianz, mit hochtönendem moralischen Pathos zur Kaschierung des knallharten "National Interest". Zu dessen Verteidigung verkündet die Bush-Doktrin das Recht auf Präventivkrieg, zu jeder Zeit, überall in der Welt, wenn sich die USA bedroht fühlen.

Doch konnten Schärferblickende schon früh die Grundierung der Bush-Linie in der US-Politik seit Vietnam vorausahnen (19): Während Johnson noch wähnte, die reichen USA könnten sich "Butter und Kanonen" (Hermann Göring) leisten, erlegte er mit Finanzierung seines Vietnamkrieges durch Inflation statt höhere Steuern dem Weltmarkt eine "taxation without representation" (S. 202). Von da an war der US-Hegemonie nicht mehr "gütig" ("benign"), sondern "negativ" – Zerstörung des Bretton Woods-Systems, Verstärkung des US-Protektionismus durch Trade Act und Abwertung des Dollar 1974 (S. 203). Reagan steigerte die Staatsverschuldung für immense Rüstung auf Kosten der Welt zum "Zutoderüsten" der Sowjetunion und ersten Griff zu den Sternen, den Bush jr. fortsetzt. Seit Reagan schwächten gezielte "Luftschläge" (Libyen, Sudan, Irak) als Rache für Terrorakte das Völkerrecht, jahrelange Verweigerung der US-Mitgliedsbeiträge die UNO.

Im 1. Irakkrieg 1991 waren für die USA noch Völkerrecht, UNO und überwiegende Weltmeinung. Aber dialektische Folge des überwältigend asymmetrischen Sieges von oben und das faktische US-Protektorat über Saudi-Arabien – allmählich wachsender islamistischer Terror im asymmetrischen Krieg von unten – bereiteten den USA ein Knäul ideologisch-politischer Widersprüche: Zunächst bot bin Ladins, den die USA zuvor in Afghanistan gegen die Sowjetmacht selbst großgemacht hatten, der Monarchie an, Saudi-Arabien gegen Saddam Hussein mit von ihm finanzierten Freiwilligen zu schützen. Schroffe Ablehnung und massive Stationierung der US-Army im für Muslime Heiligen Land, auch über den 1. Irakkrieg hinaus, trieben bin Ladin zur Opposition gegen die Monarchie und die USA.

Dazu stecken die Saudi-Ölprinzen in mehrfachen Widersprüchen: Nach innen stehen grenzenlose Reichtum samt Korruption im schreienden Gegensatz zur herrschenden streng puritanischen Wahhabiten-Variante des Islams, die mit Ölgeld diskret extrem terroristischen Islamismus schmiert, sich aber von den USA schützen läßt. Nach außen beißt sich das theokratische mit dem demokratisch-antiterroristischen US-Pathos. Obendrein machte die Bush-Familie mit Saudis und dem oppositionellen milliardenschweren bin-Ladin-Clan lukrative Geschäfte, rettete zweimal aus Bankrott Bush jr. saudisches Geld als wundersame Schutzengel.

Mit seinem Jihad-Terrorkrieg gegen die USA machte bin Ladin den Aufmarsch in den vielverleugneten "clash of civilisations" (Huntington) sichtbar, beantwortet vom "Kreuzzug" ("Crusade", Bush jr.) und Armageddon protestantischer Fundamentalisten, die den Islam als Religion des Teufels nur noch dämonisieren. Was aus der Geschichte der USA und ihrer inneren Verfaßtheit 1993 nur abstrakt warnend hochzurechnen war, wurde nach dem 11. September harte Wirklichkeit – der salto mortale in "selbstzerstörische Paranoia" ("self-destructive paranoia") (20).

Dabei hätten Vordenker und Akteure der Bush-USA aus den Weltkriegen und dem zweimaligen Scheitern des Deutschen Reiches in seinem "Griff zur Weltmacht" (Fritz Fischer) richtige Lehren ziehen können: Niemand kann faktisch gegen die gesamte Welt gewinnen, auch nicht die Bush-USA auf dem Gipfel ihrer Macht. Sie verhalten sich wie Hegels "Weltvolk" als Vollstrecker einer höheren Logik: Ist dessen Zeit gekommen, so ist es "für solche Epoche das herrschende in der Weltgeschichte, und gegen dieses absolute Recht, Träger der jetzigen höchsten Entwicklungsstufe des Weltgeistes zu sein, sind die Prinzipien der anderen Völker rechtlos." (21) Ihr Griff zur Weltherrschaft macht die USA vollends zum Opfer hybrider Pleonexia: Eine Weltmacht, die noch mehr Macht will, mit dem 2. Irakkrieg als Auftakt zur Zerschlagung der "Achse des Bösen" ("Axis of Evil", Bush jr.), dem angemaßten, aber völkerrechtswidrigen Recht zum Präventivkrieg in angeblicher "Selbstverteidigung", überschlägt sich im nun globalen "imperial overstretch".

Fundamentalismus im imperialen Volk Gottes

Der "American Dream" vom "größten Imperium, das jemals bestanden hat", kleidete sich in religiösen Fundamentalismus – das "amerikanische Israel", "Neue Zion", "Neue Jerusalem" verschmolz zum selbstbetrügerischen Syllogismus, der wörtlich ernst zu nehmen ist: "God's Own Country" "der unbegrenzten Möglichkeiten". Sein "Manifest Destiny" als göttliche "Mission" war es, das riesige Machtvakuum zwischen Atlantik und Pazifik, sodann den Doppelkontinent mit eigener Macht zu füllen, heute Demokratie als "Neue Weltordnung" dem Rest der Welt zu bringen, mit allen Mitteln. Schon die puritanischen Gründungsväter der ersten englischen Kolonien waren Fundamentalisten ihrer Zeit, zum Heil der gesamte Welt: "Was gut ist für Amerika, ist auch gut für die Welt". Gleichwohl blieben sie nur Bodensatz der imperialen US-Heilsideologie, überdeckt von rationaleren Strukturen der urbaneren Eliten der Ostküste. So ist der US-Fundamentalismus ein gutamerikanisches Eigengewächs, zuerst artikuliert mit der stilprägenden Zeitschrift "The Fundamentals" (1915) evangelikaler Kreise. Vor allem im "Bible Belt" im In- und Hinterland der Ostküste gewann der freikirchliche Kosmos aus der Tradition mittelalterlicher Sekten und Ketzer gesellschaftliche Macht.

Fundamentalismen aller Weltreligionen nehmen ihre Heilige Schrift wörtlich, als göttliche Offenbarung Richtschnur ihres Handelns, kennen nur "Gut und Böse", sehen sich natürlich nur als das Gute, mit der "Mission", das "Böse" zu vernichten, einmündend in der Endschlacht Armageddon der Offenbarung des Johannes. Generell reagiert Fundamentalismus gegen die im (lateinischen) Westen dominierende Säkularisierung, Trennung von Religion, Staat und Gesellschaft, will die Rückkehr zum bis dahin universalen theokratisch-autokratisch/despotischen Gesellschafts- und Herrschaftsmodell, unter Führung der je eigenen "Frommen".

Erstmals blitzte in den USA die fundamentalistische Option mit Präsident Reagan (1980-88) auf, als er die Sowjetunion ins "Reich des Bösens" ("Empire of Evil") verwies, sich danach jedoch pragmatisch zu Arrangements mit der (niedergehenden) Sowjetunion unter Gorbatschow bis zu ihrer Implosion bequemte. Ein Aufenthalt in den USA unter Reagan 1985/86 und Kenntnis der Weltgeschichte reichten, Mechanismen und Wirkungen des US-Fundamentalismus zu benennen:

"Die Zahl seiner Anhänger wird in den USA gegenwärtig auf rund 15 Millionen geschätzt, ungefähr 5% der Gesamtbevölkerung. Gegenwärtig schickt sich diese Minderheit – als Sprecher der schweigenden, angeblichen Mehrheit – an, auf dem äußersten rechten Flügel der Republikanischen Partei in die Politik einzugreifen. Ihr bislang zahlenmäßig geringes Gewicht (5%) würde sich jedoch durch die Mechanismen der traditionell geringen Wahlbeteiligung in den USA (ca. 50%) in einem Zweiparteiensystem mit ungefähr gleichstarken Parteien automatisch auf einen Anteil von ca. 20% der Wähler der Republikaner vervierfachen, zumindest als Wählerpotential, auf das jeder republikanische Kandidat oder Präsident bzw. Parlamentarier Rücksicht nehmen müßte. ... Das massive Auftreten eines politisch organisierten und entsprechend intervenierenden protestantischen Fundamentalismus in den USA hätte verheerende Wirkungen, in den Vereinigten Staaten wie im westlichen Bündnis, denn sein militanter Super-Chauvinismus würde auch die an sich normalen Ressentiments der kleineren Bündnispartner gegen die sich ohnehin weiter überhebende Hegemonialmacht im Westen bis zur Krise oder zum Auseinanderbrechen des westlichen Lagers vorantreiben. Andererseits ist das Bild vom "Reich des Bösen" nur eine spiegelbildliche Symmetrie zu diversen Dämonisierungen ihrer Gegner durch die übrigen Fundamentalismen, vor allem durch den schi'itisch-muslimischen und atheistisch-säkularisierten des Kommunismus." (22)

Die "Agonie de Sowjetimperiums" zeigte schon Folgen aus dem "Zusammenbruch" der "Pax Sovietica" ("Chaos von Konflikten im sowjetischen Machtbereich"), denkbar gewordene Vorgänge in der dann siegreichen Supermacht USA:

"Sollte ungefähr gleichzeitig ein wie auch immer geartetes Mitregieren des aufkommenden protestantischen Fundamentalismus in den USA die bisher nur latente Krise im Westen verschärfen, so wären die Folgen für den Weltfrieden erst recht unabsehbar. Hegemonialer Machtkampf und heilsgeschichtliche Ideologien, theologisch gebunden wie säkularisiert, würden sich zu einem für die gesamte Menschheit gefährlichen Amalgam verbinden – auf beiden Seiten."

Genau das geschah konkret, was 1986 nur aus der Ferne abstrakt zu befürchten war: Die Durststrecke nach Reagan, unter dem durchgängig pragmatischen Bush sen. und liberalen Luftikus Clinton 1989-2000, nutzte das fundamentalistische Substrat mit systematischer Basis- und Lobbytätigkeit zum politischen Durchbruch, verbündet mit "neokonservativen" Ideologen aus "rechten" weltmachtbewußten "Think Tanks", die teilweise zwischen Regierung und Wirtschaft pendelten. (23) Im Millenniumsjahr 2000 gelang mit dem bekennenden "wiedergeborenen" Christen Bush jun. als republikanischen Präsidenten im Weißen Haus die Machtergreifung, gestützt auf fundamentalistisches Wählerpotential. 2004 will die "Religious Right" die USA zur "Christian nation" umwandeln, wie schon die Wahlplattform der Republikanischen Partei von Texas, der Heimat von Bush jr., proklamiert, zur nur noch republikanisch verschleierten Theokratie. (24) Heute ist die Prognose so fortzuschreiben: An die Stelle des sowjetisch-säkularisierten "Empire vor Evil" trat, im dramatischen Dreh der Hauptkonfliktlinien in der Welt von West-Ost auf Nord-Süd (25) und "Clash of Civilisations", das islamistische "Empire of Evil". Nur ist der neue Todfeind staatlich diffuser, weniger berechen- und angreifbar als das Sowjetimperium; seine Militanten verfechten die Ausbreitung des islamischen Geltungsbereichs mit dem bisherigen Extrem des asymmetrischen Krieges von unten im anders totalitären Jihad-Terror.

3. Die Neue Heilige Allianz und ihre Widersprüche, interne wie externe

Historische und kategoriale Vorklärungen ("asymmetrischer Krieg", "Terror") wie allgemeine Maßstäbe (Quantität-Qualität, "Pleonexia") erlauben Lehren aus der Geschichte, gewiß mit gebotener Vorsicht, denn Unterschiede nach Zeit und Raum, Strukturen und Akteuren sind enorm. Aber historische Mechanismen im Auf und Ab imperialer Macht, an denen die Alte Heilige Allianz zerbrach, gelten bis heute, auch für die USA. In der Neuen Heiligen Allianz ist ein engerer harter Kern und weiterer, "weicherer" Ring zu unterscheiden: Die Bush-USA, von Kopf bis Fuß auf Imperium und Armageddon eingestellt, wie die "Koalition der Willigen" im 2. Irakkrieg, von den USA abhängige Klientelstaaten, angeführt von der englischen ex-Kolonialmacht unter der Labour-Regierung Blair, zur Verschleierung des US-Unilateralismus. Zum weiteren Kreis zählen Teilnehmer am "Krieg gegen Terrorismus", aber in Spannung zum Hegemon USA. Jedoch ist 2004 die globalisierte Welt gegenüber dem Postkutschenzeitalter der Alten Heiligen Allianz noch komplizierter geworden, erst recht seit Ende des Imperium Sovieticum 1989/91: Schon die Zahl der Akteure hat sich seit beiden Weltkriegen dramatisch gesteigert, vom Dutzend 1815 auf rund 200, große wie kleine. Proportional umgekehrt zu heutigen Erfordernissen bleiben die Führer der Neuen Welt weit unter dem intellektuellen Niveau des Trio Metternich-Gentz-Bismarck Alt-Europas:

Quantität und Qualität; Dialektik der Pleonexia

In den aristotelischen Kategorien der Quantität und Qualität ist das erstmals wirklich weltumspannende Imperium Americanum ein welthistorischer Quantensprung, spielt in einer anderen Liga der Groß- und Weltreiche, als einsame Klasse: Dank ihrer Mobilität und ihrem weltumspannenden Netz faktisch exterritorialer Militärbasen können die USA –theoretisch – an fast jedem Punkt der Erde ihrer Wahl mit überwältigend numerischer und qualitativer (militärtechnischer) Überlegenheit zuschlagen. Zur quantitativen Stärke, schon im Umschlag zur Qualität, gehört auch der ständige "brain drain" aus der weiten Welt, Zuzug hochqualifizierter Kräfte, angelockt vom hohen Lebensstandard und günstigen Arbeitsbedingungen. Andererseits fällt die Analyse der Qualitäten differenzierter aus:

- Die USA schwelgen im Stolz auf ihre Demokratie, seit 1889 symbolisiert von der Freiheitsstatue am Hafeneingang New Yorks. Aber ein genauerer Blick zeigt gravierende Schwächen und interne Widersprüche: Schon die Unabhängigkeitserklärung von 1776 galt nur für wohlhabende Weiße, nicht Indianer und Sklaven samt freie Nachfahren: Die "Demokratie in Amerika" (Alexis de Tocqueville), gegründet auf dem doppelten Boden von Genozid und Sklaverei, will die beste Regierungs- und Staatsform der Geschichte sein, mit heilsgeschichtlicher "Mission". Seit dem Kalten Krieg aber haben die USA eine Fülle von Diktaturen gestützt und militärisch aufgerüstet, im harten Gegensatz zu ihrem demokratischen Credo. Zur faktischen Mindestqualifikation eines US-Präsidenten gehört, Millionär zu sein; sonst hat er keine Chance, die Millionen für seine Wahlkampagne aufzubringen.

- Der Durchschnittswohlstand in den USA, noch immer der höchste der Welt, ist ungleicher verteilt als sonst in Industrienationen: Millionäre bereichern sich auf Kosten ihrer Landsleute und des "Rests der Welt" mit Steuersenkungen, betrügerischen Aktienspekulationen, überhöhten Gehältern, nach Innen und Außen: Mit dem Sturz der Sowjetunion (und Umschalten der chinesischen KP auf einen analogen Tiger-Kapitalismus) entfiel jede ernsthafte Konkurrenz zur Marktwirtschaft, damit auch die Notwendigkeit, die Arbeiterschaft der Industrieländer durch Vergünstigungen stillzuhalten. Im Privatisierungs- und Deregulierungsrausch wird in Europa traditionelle Sozialpolitik als "Sozialklimbim" überflüssig, demontiert auch der bisherige Frontstaat Deutschland nach US-Vorbild Sozialstaat und "Soziale Marktwirtschaft" durch Stellen- und Sozialabbau zugunsten seiner notleidenden Millionäre und Milliardäre. Entsprechend beuten die USA die schwachen Staaten der einstigen "Dritten" und "Zweiten Welt" hemmungslos aus. In der Krise nach Auflaufen der USA im Irak macht die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm schwere Sozialkonflikte wahrscheinlicher denn je, diesmal auch in den USA.

- Wie alle neue Machtzentren an der Peripherie stehen auch die USA in der Spannung zum altem Machtzentrum, zwischen Respekt ihrer wirtschaftlich-finanziell-militärischen Macht und Geringschätzung ihrer Kultur, die Bewohner alter Machtzentren (Alt-Europa, Indien, China) als Kompensation für machtpolitisch-ökonomische Minderwertigkeitskomplexe kultivieren, da an der Peripherie das Niveau der eigenen Kultur abgesunken sei. Über dominante Beiträge der USA zur Weltkultur (Pop, Discos, Fast Food, Coca Cola, Hollywood, moderne Kunst, PC mit Internet und Fachbegriffen, ubiquitäres "o.k." wohl in den meisten Sprachen der Welt) hinaus, zeigen sich Qualitäten der US-Funktionseliten in Wahlkongressen ihrer großen Parteien mit ihrer Mischung aus Karneval (bunten Luftballons, Konfetti), Zirkus und Polit-Familien-Klamauk, Verleumdungen in Wahlkämpfen.

- Bildung USA kam zwar aus Europa, weist aber, wie Wohlstandsunterschiede, enorme Spannweiten auf: Gegenüber reichen Eliteuniversitäten vermitteln unzählige kleinere Universitäten und Colleges nur ein karges Minimum moderner Bildung, dazu High Schools und Elementarschulen, deren Niveau vom Einkommen der Kommunen abhängt. Spitzenleistungen hervorragender Spezialisten stehen Provinzialismus und generelle Weltfremdheit zu vieler Amerikaner gegenüber.

- Bush jr. gerinnt als US-Präsident zur perfekten Verkörperung des Durchschnitts seiner Landsleute: Der Sohn eines Millionärs, verbunden mit Erdöl und höchsten Staatsämtern, absolvierte eine Eliteuniversität (Yale), aber ohne erkennbare Wirkung auf seine Äußerungen in aller Weltöffentlichkeit, hilflos ohne Berater und Spickzettel. Sein halbes Erwachsenendasein verbrachte er, "young and irresponsible" (so Bush jr. selbst, jüngst öffentlich nachgeplappert von seinen Zwillingstöchtern), im Suff, bis er im Kater nach seinem 40. Geburtstag "Gott" erblickte – sich selbst und im Rausch Erbrochenes im eigenen Spiegel. Ebenso führt er auch die jüngste und größte Weltmacht der Geschichte – "young and irresponsible."

Innere Wahrhaftigkeit

Wer mit so hohem moralischen Anspruch auftritt wie die imperiale USA, muß sich an den eigenen Werten und Wahrheiten messen lassen. In dieser Beziehung gibt es wohl kaum einen solchen Temperatursturz der Weltmeinung wie seit dem 11. September im weltweiten Entsetzen über den 2. US-Irakkrieg samt Enthüllungen über das brutale Zuschlagen der US-Militärmaschine, das nur Toren als "Antiamerikanismus" abwerten. Vor allem litt, wie sogar die politische eine Hälfte der USA, die Demokraten, jüngst aussprach, die Glaubwürdigkeit des offiziellen Amerika. auf lange Zeit irreparabel: Die Lüge war dem amtlichen wie privaten Kriegstreiben so offensichtlich auf die Stirn geschrieben, daß es keinerlei geheimdienstlicher Quellen für die weltweite Ablehnung des 2. US-Irakkrieges bedurfte. Alle Kriegsgründe lösten sich in heiße Luft auf, viele Bedenken und Warnungen der Gegner des Irakkrieges traten jetzt schon ein:

- Der Irak war tatsächlich von der Weltgemeinschaft für seine ABC-Waffen abgerüstet, konventionell wie im Innern so schwach, daß er niemanden bedrohte, sich seine Armeen unter der himmelhohen Überlegenheit der USA auflöste.

- Der Krieg diente nicht der Glaubwürdigkeit der UNO, sondern war als Angriffskrieg völkerrechtswidrig, "illegal", wie UN-Generalsekretär Annan Mitte September 2004 öffentlich feststellte, eine Verletzung der UN-Charta. (Wie lange wird er seine korrekte Feststellung überleben – politisch im Amt oder gar physisch?).

- Bei aller Erleichterung bis Freude über den Sturz der blutigen Saddam-Diktatur, wurden die Amerikaner im Irak keineswegs als Befreier begrüßt.

- Ohnehin läßt sich Demokratie nicht mit kriegerischer Gewalt einer Gesellschaft überstülpen, die nicht schon von innen zuvor eigene Ansätze zur Demokratie hatte, wie Deutschland und Österreich vor 1933/38.

- Erst recht illusionär wie moralisch fragwürdig bleibt die Vorstellung, es sei möglich, andere "Schurkenstaaten" im Nahen Osten aufzurollen, unter Druck oder gar militärisch, um so eine Zone der Demokratie und des Friedens zu schaffen.

- Saddams Irak hatte keine Verbindung zu al-Quaida und dem 11. September, ist nun aber – "self-fulfilling prophecies" – durch den Bushkrieg Tummelplatz islamistischen Terrors, zunehmend nun auch gegen die irakische Zivilbevölkerung.

- Folterung irakischer Gefangener und harte Behandlung bei Razzien, Straßenkämpfen sind keine "Einzelfälle", die erst "bedauert" wurden, als sie öffentlich bekannt wurden, oder auch nur im Kriegsfall unvermeidliche "Kollateralschäden", sondern Teil eines Systems, das die USA auf den "Rest der Welt" überstülpen, so er sich weigert, dem Diktat der Welt-Übermacht zu folgen.

- Namentlich ist der 2. US-Irakkrieg kontraproduktiv: Er schmiedet selbst im Großen (wie Israel im Kleinen) legitimen nationalen Widerstand von unten gegen militärische Ziele fremder Besatzung oder Repression und islamistischen Jihad-Terror zu brisanten, kaum noch zu trennenden Komplexen zusammen: US-Staatsterror von oben fördert Guerrillakrieg von unten, wechselseitige Eskalation terroristischer Gewalt, auf beiden Seiten: Hier gilt noch nicht einmal mehr das archaische Prinzip "Auge und Auge, Zahn um Zahn", sondern Racheakte überschreiten jede Verhältnismäßigkeit der Mittel, wie es das internationale Kriegs- und Völkerrecht wenigstens "zivilisierten" Staaten zwingend vorschreibt. Die USA sind im Irak in die Falle gewaltsamen Okkupation-Widerstand-Repression-Terrors von oben und unten gesprungen, entgegen wohlmeinenden Warnungen.

- Symbol extremer Rechtslosigkeit ist der US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba, wo die USA im rechtfreien Raum "verdächtigte" "Terroristen" seit zwei Jahren unter unmenschlichen Bedingungen foltern, ohne Rechtsschutz: Den Stützpunkt hatten sich die USA schon 1903 als exterritoriale Exklave unter US-Hoheit gesichert, als sie das 1898 im manipulierten Angriffskrieg gegen Spanien "befreite" Kuba mit dem Platt-Amendment politisch als Klientelstaat an sich banden.

- Bush jr. hat die Welt nicht "sicherer" gemacht, sondern ihr mit seinem "asymmetrischen" Irakkrieg von oben den Jihad-Terror im asymmetrischen Krieg von unten eingebrockt – weltweit. Er selbst und seine obersten Helfer trauen sich nicht, sich im Irak öffentlich am hellen Tage zu zeigen – aus Sicherheitsgründen.

So wird die Koalition im "Krieg gegen den Terror" als (faktische) "Achse des Guten" gegen die "Achse des Bösen" im dialektischen Umkehrschluß zu eben derselben: In der Welt gelten heute die USA, Israel im Kleinen, mit ihren "schmutzigen Kriegen" als die größte Gefahr für den Weltfrieden.

Interne Widersprüche

Interne wie externe Widersprüche zwischen Anspruch und Realität, noch so edlen Vorsätzen und ungewollten Rückwirkungen, die oft das Gegenteil von den Absichten hervorrufen, vielfältiger Widerstand gegen Invasionen von außen, die selbstzerstörerische Dialektik der Pleonexia, Niederlagen an der Peripherie (vor 30 Jahren für die USA Vietnam, heute: Afghanistan, wie einst für die SU, und Irak), moralische, politische und finanzielle Kosten ihrer Kriege holen auch die stolzeste Weltmacht ein, stürzen sie in Serien selbstgebastelter Dilemmata und Krisen.

- Die heutige USA fühlen sich als die größte, jedenfalls mächtigste Demokratie, stolz darauf, durch die Amerikanische Revolution vor über 200 Jahren etwas welthistorisch Neues und Einzigartiges geschaffen zu haben, mit der gottgegebenen Mission, ihre Errungenschaften, Demokratie und den amerikanischen "way of life" auf die übrige Welt auszubreiten. Schon der weltweit offenkundig gewordene imperiale Charakter des größten Weltreichs der Weltgeschichte kollidiert mit dem demokratisch-freiheitlichen Pathos, mit dem die USA in ihrer antikolonialen Revolution einst angetreten waren: Imperien beruhen immer auf Eroberung und Herrschaft, wie auch die USA und ihre Expansion belegen, Demokratien dagegen auf freier Einsicht ihrer Bürger: Mit Bomben und Granaten erzwungene Freiheit und Demokratie sind erst recht ein unauflöslicher Fundamentalwiderspruch.

- "Demokratie in Amerika" wird fragwürdig, wenn nur 50% der Wahlberechtigten wählt, 2000 eine knappe Mehrheit für Bush jr. durch Irrationalitäten des Wahlsystems und mannigfache Manipulationen zustandekam – Streichungen von Afro-Amerikanern aus Wählerlisten, unkorrekte Auszählung im Schlüsselstaat Florida, wo ein Bruder Bush jr. als Gouverneur den Ausschlag für seinen älteren Bruder gab, sanktioniert vom ideologisch einseitig besetzten Obersten Gerichtshof.

- Die USA eifern gegen Korruption anderswo, aber die enge Verfilzung von Big Business und Regierungsämtern, Wahlfinanzierung und Riesenprofite aus dem Krieg gegen den Irak und seinen "Wiederaufbau" durch eben Bush jr. finanzierende Unternehmen ist nicht anderes als gigantische Korruption.

- Himmelhohe militärische Überlegenheit stürzte die USA in ein globales Dilemma, das konventionelle Machtpolitik, kosmisch gesteigert, friedlich-konstruktiv nur unlösbarer macht: Asymmetrischer "Krieg gegen den Terror" von oben provoziert asymmetrischen Krieg als weltweiten Terror von unten, wie heute im Irak.

- Die Bush-USA wollen im "Krieg gegen den Terror" auch die "Demokratie" in der Welt ausbreiten, bedrohen aber mit Notstandsmaßnahmen des "Patriotic Act" Freiheit und Demokratie daheim im hausgemachten Polizei- und Repressionsstaat.

- Die innere Grundlage ihrer hilfswilligen Koalitionäre brüchig: Viele sind selbst Diktaturen, die eigentlich der Bannstrahl der modernen Kreuzritter für Demokratie treffen müßte. In Demokratien, deren Regierungen den 2. US-Krieg unterstützen, ist die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gegen den US-Krieg (England, Italien, Polen; Australien), hat einmal schon eine Regierung deswegen abgewählt (Spanien), könnte es anderswo auch tun: Hilfswillige Regierungen verhalten sich in dieser zentralen Frage um Leben und Tod höchst undemokratisch.

- Im weiteren Ring der Neuen Heiligen Allianz betreibt das postkommunistische Rußland mit seinem Tschetschenienkrieg Völkermord gegen ein von Zaren und Stalin geschundenes Volk, hetzt den Jihad-Terror gegen sich und Europa, da die Tschetschenen als Muslime nur vom Islamismus Hilfe erwarten können. Deutschlands und Frankreichs Appeasement gegenüber Putins staatsterroristischem Völkermord entwertet ihre Opposition zum Irak-krieg und das moralische Pathos der "Koalition gegen den Terror" als erweiterte Neue Heilige Allianz.

- Ähnlich gespalten ist das Selbstwertgefühl der USA: Zum "militär-industriellen Komplex" (Eisenhower 1959) tritt jüngst der imperial-fundamentalistische Überlegenheitskomplex der Bush-USA: Überbordendes Allmachtsgefühl, gebrochen durch ebenso großes Angst- und Sicherheitsbedürfnis, das teilweise eigene An- und Absichten auf andere projiziert, verbindet sich mit heilsgeschichtlichem Missionsglauben zu einem brisanten Amalgam. Weltunkenntnis, Überschätzung der eigenen Macht und abnehmende Akzeptanz im "Rest der Welt", wenn überlegene Macht den "US-National Interest" erzwingt, mit Dollars und "shock and awe", endet im chronischen "imperial overstretch". Heute sind die USA im Innern so gespalten wie seit langem nicht mehr, wie die ex-Präsidenten Carter und Clinton auf dem Wahlkongreß der Demokraten feststellten, von außen historisch präzisierend hinzuzufügen: nicht mehr so gespalten wie im Bürgerkrieg 1861-65 und Vietnamkrieg, als für besorgte Amerikaner ihr Land vor dem Zerbrechen stand. Der tödliche Haß der beiden fast gleichstarken Hälften im politischen Teil der USA gegeneinander ist typisch für kommende Bürgerkriegssituationen.

- Zudem ereilt die USA die Dialektik der Faktoren, die eine Macht groß machten und wieder untergehen lassen: Die Bush-USA steigert das Eigeninteresse des autonomen Individuums, Erbe der lateinischen Gesellschaft Europas seit seiner Selbstorganisierung von unten aus dem Chaos nach dem Untergang des Weströmischen Reiches 476, zum obersten Prinzip gigantischer Selbstzerstörung. In der Unabhängigkeitserklärung 1776 ist es ökonomisch gewendet ("pursuit of happiness = hohen Lebensstandard) zum höchsten Staatszweck mit Verfassungsrang, verstaatlicht zum "National Interest" als grenzenlosem Kollektiv-Egoismus, der dem "Weltvolk" alles erlaubt, auch über Rechte anderer und das Völkerrecht hinwegzugehen: "National Interest" materialisiert die Freiheit des "American Dream" zum selbstausgestellten Freibrief, sich mit ökonomisch-finanziell-militärischer Macht den höchsten Lebensstandard auf Kosten der Welt und die größte (kurzfristig profitable) Verschwendung von Ressourcen und Energien zu leisten.

- Alles läßt sich zur selbstzerstörenden Dialektik der Pleonexia zusammenfassen, die auf die stärkste Macht der Welt mit der größten Verantwortung für den Zustand der Welt zurückfällt: Die Bush-USA wähnen, im Zeitalter der Globalisierung die gesamte Welt zu beherrschen, direkt wie indirekt, mit Annexionen bis zur "Koalition der Willigen". Aber finanziell chronisch überschuldet, mit einer von innen erodierenden Wirtschaftsbasis, droht ihnen das Schicksal aller Großreiche auf ihrem Siegeszug – Überdehnung ihrer Kräfte, schwere Niederlagen nach außen an der Peripherie, Erschütterungen nach innen, bis hin zu Kollaps und Untergang.

Flucht in den US-Fundamentalismus: Armageddon als apokalyptische Endschlacht

In historischen Perspektiven liest sich die "selbstzerstörerische Paranoia" (Susan Strange) seit dem 11. September als Flucht vor dem Kollaps in höhere Gefilde religiöser Zwangsvorstellungen: Allen Fundamentalismen, religiösen (christlich-jüdisch-islamistisch-hinduistischen usw) wie säkularisierten "links" und "rechts" eignet als Volk Gottes gnadenloses Freund-Feind-Denken, tödliche Rivalität zu konkurrierenden Fundamentalismen: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" (George W. Bush jr. nach dem 11. September), "With us or against U.S." (frei nach Cheney) (26). Auf der offiziellen Trauerfeier für die Opfer des 11. September erklärte der katholische Erzbischof von New York seine Landsleute zum "Volk Gottes", traf so genau die Gemütslage des fundamentalistischen Amerika. Die von Bush jr. oft benutzte segnende Abschlußformel seiner Ansprachen "God bless America" sanktioniert amtlich die Selbst-Heiligsprechung der USA als "Christian Nation", im Rückfall zu theokratisch-autokratischer Herrschaft eines "Weltvolkes" als Vollstrecker des metaphysisch überhöhten "Weltgeistes": Der deutsche Idealismus meinte einst mit Hegel die Deutschen als kommendes "Weltvolk", heute benehmen sich die Bush-USA und ihre Ideologen als neues "Weltvolk" – ihres Gottes.

Die Fusion des "militär-industriellen" Komplexes (Eisenhower) mit noch brisanterem heilsgeschichtlich-imperialen Welterlösungs- und Weltherrschaftsideen eskaliert die geistlich-theokratische Selbst-Weihe älterer "Welt"reiche, und wenn nur, um ihre "Zivilisation" in der Welt auszubreiten, Französisch hübsch heruntertransformiert zur "mission civilisatrice". Desto tiefer fällt der Sturz aus schwindelnden Höhen, schon heute tödlich für direkt Betroffene, wie im Irak. Die Einteilung der Welt nur in "Gut" und "Böse" bereitet Armageddon als "self-fulfilling prophecy" vor – Aufmarsch sich gegenseitig bekehren wollender Fundamentalismen aller Couleur, "auf zum letzten Gefecht": Jede "Achse des Bösen" fühlt sich selbst auch als "Volk Gottes, dem alles erlaubt ist, dessen Zweck alle Mittel heiligt. Umgekehrt ist jedes "Volk Gottes" ("Gut") für die Gegenseite "Achse des Bösen", "Satan", metaphysisch aufgeladener, dämonisierter, diabolisierter Erzfeind.

Fundamentalismen aller Länder sind inniglich vereinigt in der Dialektik religiöser Wahnideen, haben nichts zu verlieren als ihren jeweiligen Todfeind, mit dem sie dialektisch Selbstzerstörung zelebrieren, die eigene wie der Menschheit, in der von ihnen herbeigesehnten Endschlacht zwischen den augenblicklich stärksten Fundamentalismen, dem protestantischen der USA und verwandten Geistern wie Blair und Berlusconi, alliiert mit dem jüdisch-israelischen, gegen den islamistischen, jetzt unter seinem Möchtegern-Neukalifen Osama bin Ladin.

Auch Bush jr. fühlt sich von (seinem) Gott berufen, einen göttlichen Auftrag ("mission") zu erfüllen ("accomplish"), keiner irdischen Instanz verantwortlich, auch nicht der US-Verfassung, in der Gott als rational nachvollziehbare Instanz nicht vorkommt, treibt aber nur die Welt in apokalyptische Abgründe – mit tödlicher Sicherheit: "Armageddon" aus der Johannes-Offenbarung, Untergang der schlechten "Alten Welt" als katastrophaler Auftakt zum "Neuen Zion" und "Neuen Jerusalem", ist im amerikanischen (und englisch-schottischen Fundamentalismus eines Tony Blair) ein positives, tatkräftig zu förderndes Ereignis. Im jüdischen Ur-Messianismus, der gemeinsamen Quelle, heißt das, "dem Messias helfen", mit Gewalt "Feinde Gottes" vernichten, so auch im Islamismus. Solche religiöse Wahnvorstellungen, zumal an der Spitze der (noch) stärksten Weltmacht, sind blasphemisch und gemeingefährlich: Sie sind eine Kriegserklärung an den Rest der Welt, zur Strafe dafür, daß er sich nicht dem neuen Volk Gottes bedingungslos zu fügen. sind selbstzerstörerisch, auch für den von den US-Imperialen so herzlich verachteten "Rest der Welt": "Et semper respice finem!" ("Und stets bedenke das Ende!").

Ausblick: Wo bleibt das Positive?

Vor über einem Jahrhundert beendete der große liberale Althistoriker Theodor Mommsen im letzten Band seiner mit dem ersten Literaturnobelpreis ausgezeichneten "Römischen Geschichte" eine ausführliche plastische Schilderung der Zustände im alten Rom der niedergehenden Republik – Schwelgen in Reichtum, krasse Kluft zwischen Reich und Arm, Korruption, vielfältiges Verbrechen – mit einem lapidaren Satz, der heute nur noch erschrecken kann:

"Alles, was in der heutigen Welt das Kapital an argen Sünden gegen Zivilisation und Nation begangen hat, bleibt so tief unter den Greueln der alten Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so arm, über dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift, wird die Welt wieder ähnliche Früchte zu ernten haben." (27)

Dennoch wäre jede Schadenfreude über das Aufgehen der "Drachensaat" und den kommenden Fall der Bush-USA töricht bis selbstzerstörerisch – wir im Westen sitzen alle im selben Boot: Eine islamistische Umma, durch Jihad-Terror von unten zum neuen "Weltvolk" in ihrem theokratischen Weltstaat hochgebombt, wäre mit super-totalitären Konsequenzen eine noch größere Katastrophe als das immerhin demokratisch gemilderte "American Empire", und China hinter dem Islam als übernächstes "Weltvolk", wie schon in den Olympiaden von Sydney und Athen angeklungen, wäre für die übrige Welt auch kein Zuckerschlecken.

Eine Alternative zum drohenden Armageddon der Welt-Fundamentalismen läßt sich theoretisch leicht benennen, hat aber gegen heute vorherrschende Mentalitäten und Machtverhältnis kaum Aussicht auf Erfolg. Immerhin sei sie abschließend wenigstens skizziert, und wenn nur zur eigenen seelischen Beruhigung: Das Schlüsselwort bietet wieder ein klassische "Alter", der heilige Augustin – Gerechtigkeit": "Ohne Gerechtigkeit sind Staaten nur Räuberhöhlen". Dem wäre, im Blick auf die heutige Welt, kaum noch etwas hinzufügen, bleibt aber konkret umzusetzen:

Altfränkische "Gerechtigkeit" wäre zu modernisieren zu "Fairness", politisch vor allem Fairness für Muslime, wo immer sie unterdrückt oder in legitimen Forderungen behindert sind – Autonomie, Selbstbestimmung nach innen und außen, notfalls bis hin zur Unabhängigkeit, z. B. für Kurden und Tschetschenen. Womit sich aber auch die Forderung verbindet, gleiches für Nicht-Muslime zu gelten zu lassen. Nur dann besteht – vielleicht noch – Aussicht, den vom Westen (USA, Israel; Rußland) durch vielfältigen Staatsterror von oben als falschen "Krieg gegen den Terror" zusammengeschweißten Widerstandsterror von unten wieder zu trennen, in seine legitime und nur noch terroristisch-kriminelle Bestandteile, vielleicht nicht mehr für Drahtzieher und Führer des Jihad-Terrors, aber wenigstens für die Massenbasis, die von religiösem Machtwahn verheizt wird. Dazu müßte jedes Denken in imperialen Kategorien aufhören, müßten alle Menschen als im Prinzip gleichberechtigt gelten, müßte die UNO endlich als wirkliche Weltorganisation funktionieren dürfen, und nicht mehr, wie bisher meist, als Instrument US-amerikanischer Machtpolitik. Die Weltgemeinschaft führte keinen US-"Krieg gegen den Terror", sondern nur Kampf gegen den Terror – gezielte Polizeiaktionen gegen nur noch kriminelle Elemente und politisch-ökonomisch-soziale Lösungen für die breite Mehrheit der Mißhandelten und Mißbrauchten. Das wäre der Kern der konstruktiven Alternative, die Oppositionelle gegen den US-Bush-Irakkrieg und russischen Putin-Tschetschenienkrieg forderten, aber bisher ohne sichtbare Konkretisierungen.

Natürlich klingt alles super-idealistisch und wäre in komplizierte Einzelentscheidungen umzusetzen. Aber ohne eine wenigstens theoretische Alternative wäre die Dynamik der gegenwärtigen Weltentwicklung nur noch hoffnungslos.

Anmerkungen

(1) Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Reinbek 2002.

(2) Karl Grobe-Hagel: Krieg gegen Terror? Al Qaeda, Afghanistan und der "Kreuzzug" der USA. Köln 2002.

(3) In der Kürze instruktiv Henry A. Kissinger: Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik. Aus dem Amerikanischen. Berlin 1994, S. 84-97.

(4) Für die eigene Interpretation Imanuel Geiss: Die Europäische Revolution 1848-1998. Makro- und welthistorische Perspektiven, in: Heiner Timmermann: 1848. Revolution in Europa. Verlauf, politische Programme, Folgen. Berlin 1999, S. 69-94.

(5) Für eine ausführliche Analyse gerade der wirtschaftlich-finanziellen Achillesferse der Weltmacht USA, noch vor ihrem 2. Irakkrieg, Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Aus dem Französischen. München 2003.

(6) So der für sich selbst sprechende Titel von Jean-Baptiste-Duroselle: Paris 19...

(7) Für die allgemeinen universalhistorischen Mechanismen I. Geiss: Great Powers and Empires: Historical Mechanisms of their Making and Breaking, in: Geir Lundestad, Hg.: The Fall of Great Powers. Peace, Stability and Legitimacy. Oxford u.a. 1994, S. 23-43.

(8) Krieg gegen den Westen.

(9) Grundlegend Michael Mann: Geschichte der Macht, 2 Bde., Aus dem Englischen. Frankfurt/Main 1993, Bd. I: Von den Anfängen bis zur Griechischen Antike, S. 274f.; Bd. II: Vom Römischen Reich bis zum Vorabend der Industrialisierung, S. 38-42, 110; 109-113.

(10) Andreas Herberg-Rothe: Der Krieg. Geschichte und Gegenwart. Campus Einführungen. Frankfurt/Main 2003, Stichwort "Asymmetrische Kriegführung" im "Glossar", S. 152.

(11) I. Geiss Der Jugoslawienkrieg. Frankfurt/Main 1992.

(12) Dazu der klassische Überblick vom lebenslänglichen Experten Walter Laqueur: Terrorismus. Kronberg/Ts. 1977.

(13) Für eine in der Kürze noch heute augenöffnenden historischen Erklärung und Einordnung vgl. Hans-Ulrich Wehler: Grundzüge der amerikanischen Außenpolitik 1750-1900. edition suhrkamp 1254. Frankfurt/Main 1983, S. 99-110.

(14) Ebenda, S. 117.

(15) Hans-Jürgen Schröder: Frontier – Mythos und Realität in den USA, in: Irene Diekmann, u.a. Hg.: Geopolitik. Grenzgänge im Zeitgeist, 2 Bde., Potsdam 2000, Bd. I, S. 239-256, mit instruktiven Zitaten, vor allem S. 274f.

(16) Ausführlicher schon in der Endphase des Kalten Krieges Imanuel Geiss: Krieg und Frieden heute. Anmerkungen eines Historikers (1984), in: ders.: Zukunft als Geschichte. Historisch-politische Analysen und Prognosen zum Untergang des Sowjetkommunismus, 1980-1991. Stuttgart 1998, S. 158f.; ferner in: ebd.: Der Ost-West-Konflikt als globaler Hegemonialkonflikt (1986), S. 180f.

(17) Dieses und viele andere eindrucksvolle Zitate bei Hans-Ulrich Wehler: Nationalismus. München 2001, S. 55-61, von denen einige hier noch folgen; auch ders: Gründzüge der amerikanischen Außenpolitik 1750-1900. edition suhrkamp 1254. Frankfurt/Main 1984.

(18) Schon Wehler (1984; Anm. 17) ist ganz auf das "American Empire"-Leitmotiv eingestellt. Vor ihm schon u.a. die "revisionistische", selbstkritische Schule, angeführt von William A. Williams: The Roots of the Modern American Empire. New York 1969; L. Gardner: Creation of the American Empire. Chicago 1973.

(19) Susan Strange: The "Fall" of the Unitdes States: Peace, Stability and Legitimacy, in: G. Lundestad, Hg.: The Fall of Great Powers. (Anm. 7), S. 197-211, vor allem S. 202-207.

(20) Susan Strange 1993, ebenda, S. 207.

(21) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über Naturrecht und Staatswissenschaft. Hamburg 1983, § 164, S. 256, zitiert nach: Franz J. Bauer. Das 'lange' 19. Jahrhundert. Profil einer Epoche. Reclam 17043, Stuttgart 2004, S. 54.

(22) I. Geiss: Ost-West-Konflikt (Anm. 16), S. 185, für das folgende Zitat ebenda, S. 185f..

(23) Für Details vgl. Hans Leyendecker: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. Reinbek 2004.

(24) Robert Abele: A Turn to the (Religious) Right, in: http://www.truthout.org/docs_04/printer_091404K.shtml, mit eindrucksvollen Zitaten, dazu bibliographischen Hinweisen auf Sprecher der US-"Christian Nation"-Bewegung wie ihrer amerikanischen Kritiker.

(25) So schon früh I. Geiss: Krisenherde überall, in: Evangelische Kommentare 3/1991, S. 270f., geschrieben im Dezember 1990, zitiert nach ders.: Zukunft als Geschichte (Anm. 16), S. 256f., unter dem Zwischentitel "Chaos in der 'Dritten' Welt", angesichts des damals drohenden 1. Irakkrieges mit Prognosen, die, zeitversetzt, teilweise erst mit dem 2. Irakkrieg zumindest tendenziell eintraten bzw. noch eintreten – nationalistische Fundamentalismen in muslimischen Ländern bis hin zu "einem Flächenbrand des arabischen Terrorismus im Westen", "der alle erreichten Ansätze zu multikulturellen und toleranten Gesellschaften zerstören würde: Alle Araber im Westen rutschten unvermeidlich in den Verdacht, Terroristen zu sein, entweder weil sie es wirklich freiwillig wären, oder weil sie unter den Druck militanter arabischer Kräfte gerieten, Terroranschläge auszuüben."

(26) Zitiert nach H. Leyendecker: Ebenda, S. 59: "Und er hat eine Mission, die seine Anhänger so in Worte fassen: "With us or against U.S."

(27) Theodor Mommsen: Das Weltreich der Caesaren. Zitiert nach der Ausgabe Wien und Leipzig 1933, S. 60.