Abschied von einem Grenzgänger

Heinrich Senfft (1928-2017)

 

Am 14. Januar ist der Medienjurist und Publizist Heinrich Senfft im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war über drei Jahrzehnte lang einer der profiliertesten Anwälte des Zivilrechts, wobei er sich auf die Konfliktzone zwischen Persönlichkeitsschutz und Pressefreiheit spezialisiert hatte. Zusätzlich veröffentlichte er seit Ende der 1980er Jahre kritische Beiträge zur NS-Vergangenheit und zur deutsch-deutschen Gegenwart.

 

Als juristischer Berater von Gerd Bucerius und seiner Printmedien – Die Zeit und stern – sowie zahlreicher Schriftsteller geriet Senfft immer wieder in die Schlagzeilen. Mit seinem Scharfsinn, seiner fachlichen Kompetenz, seiner Ironie und seiner Schlagfertigkeit brachte er seine Prozessgegner nicht nur einmal zur Weißglut. Sein entschiedenes Eintreten für seine Mandanten – Rolf Hochhuth gegen den furchtbaren NS-Marinerichter Hans Filbinger, Günter Wallraff gegen Springer,  die Chefredaktion des stern  gegen die CSU-Führung in der bayerischen Spielbankenaffäre, Romy Schneider gegen die Boulevardpresse, Friedrich Christian Delius gegen den Kaufhausunternehmer  Helmut Horten und viele andere – sicherte ihm oft nach jahrelangen Auseinandersetzungen große Erfolge.

 

Diese exponierte Stellung ist Heinrich Senfft nicht in den Schoß gefallen. Nach dem Abitur (1946) war er zunächst Gasthörer in Geschichte und Philosophie an der Universität Tübingen. Danach studierte er Jura und promovierte bei Hans Dölle am Tübinger Institut für ausländisches und internationales Privatrecht  über ein rechtsvergleichendes Thema. Als das Institut 1957 nach Hamburg umzog, ging Senfft mit. Er übernahm zwei Jahre lang eine halbe Assistentenstelle und wurde gleichzeitig bei Zeit und stern als Rechtsassessor tätig. 1959 gewann er ein Fulbright-Stipendium und absolvierte in Berkeley ein Zusatzstudium, um auch innerhalb des anglo-amerikanischen Rechtssystems agieren zu können. So erwarb sich der junge Post-Doc des internationalen Zivilrechts ein solides transatlantisches Standing. Im April 1960 heiratete er die Fotografin Erika Ludin. Er hatte sie 1955 in Stuttgart kennengelernt. 1961 kehrte das Paar nach Hamburg zurück. Dort ließ sich Heinrich Senfft als Rechtsanwalt nieder. Sein Start und die Familiengründung waren durch großzügige Beraterverträge mit den Printmedien von Gruner & Jahr abgesichert.

 

Ich lernte Heinrich Senfft im Frühjahr 1968 kennen, als ich in erheblicher Bedrängnis war. Der Springer-Konzern hatte mich als „Rädelsführer“ der Hamburger Springer-Blockade geoutet und ein Zivilverfahren mit einer enormen Schadensersatzforderung gegen mich angekündigt. Mir wurde empfohlen, mich an Senffts Kanzlei zu wenden. Senfft war sofort zur Abhilfe bereit – und zwar unentgeltlich. Zum Glück hatte er dann mit mir nicht allzuviel Arbeit: Ein kurzer Schriftsatz, in dem er sich als mein künftiger Rechtsbeistand auswies, genügte. Die Springer-Juristen ließen nichts mehr von sich hören, so gefürchtet war die Adresse der Anwaltskanzlei in der Schlüterstraße 6, direkt neben dem Campus.

 

Ein Jahr später wurde ich wieder bei Senfft vorstellig. Wieder ging es um eine hohe Schadensersatzforderung, aber diesmal wegen angeblicher übler Nachrede und Verleumdung. In einem konkret- Artikel hatte ich einem prominenten Sozialwissenschaftler bescheinigt, als wissenschaftlicher Berater des westdeutschen Militärgeheimdiensts (MAD) tätig zu sein. Erneut versprach Senfft, mich unentgeltlich zu vertreten. Aber er meinte, diesmal müsste ich mich warm anziehen: „Ihr Linken lehnt Euch immer sehr weit aus dem Fenster, aber Ihr seid schludrig, und am Ende fehlen Euch die Beweise.“ Ich erwiderte, ich sei zwar tatsächlich ein Linker, aber trotzdem hätte ich ausreichende Belege. „Dann leg sie dem Herrn doch auf den Tisch“, riet mir Senfft – er duzte mich inzwischen, aber das „Du“ durfte ich erst eineinhalb Jahrzehnte später erwidern. Ein paar Tage danach lagen Kopien der Beweisstücke auf dem Schreibtisch des professoralen Geheimdienstberaters. Auch er meldete sich nicht wieder.

 

Zur dritten Begegnung kam es erst Mitte der 1980er Jahre. Sie gestaltete sich etwas langwieriger, denn Senfft und sein Sozius Joachim Kersten wurden jetzt als juristische Lektoren tätig. Zusammen mit anderen hatte ich inzwischen eine historische Dokumentationsstelle gegründet und wir planten die Edition mehrerer Untersuchungsberichte, die Experten der US-Militärregierung 1946/47 über die NS-Verstrickungen führender Großunternehmen erarbeitet hatten. Starten wollten wir mit dem OMGUS-Bericht über die Deutsche Bank. Das war ein heißes Eisen, denn zu Beginn der 1970er Jahre hatte Hermann J. Abs einen DDR-Historiker, der ein Buch über ihn auch in der BRD veröffentlicht hatte, in einem spektakulären Verfahren in Grund und Boden gestampft. Infolgedessen rechneten Senfft und Kersten mit einem Prozess und fühlten mir, dem Bearbeiter, gehörig auf den Zahn. Schließlich ließen sie die Edition passieren. Aber ich war ein No-Name, und deshalb forderten sie weitere Absicherungen: Eine prominente Galionsfigur und eine Garantie unseres damaligen Sponsors zur Übernahme der juristischen Folgekosten. Der Sponsor war bereit dazu und auch Hans Magnus Enzensberger ließ sich als Herausgeber gewinnen. Die Deutsche Bank hielt jedoch still, nur das historische Establishment rümpfte die Nase.

 

Das war ein guter Start für die Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte. Heinrich Senfft nahm lebhaften Anteil. Er trat in die Redaktion unserer Zeitschrift ein, später ging er auch in den Stiftungsvorstand. Die Schriftenreihen der Stiftung bereicherte er mit wichtigen Beiträgen zur Kontinuität des konservativen Rechtssystems („Richter und andere Bürger“), zum Historikerstreit („Kein Abschied von Hitler“) und zu anderen Themen der Zeitgeschichte.  Zu seinem 70. Geburtstag widmeten wir ihm eine Festschrift, zu der auch seine Weggefährten aus dem politisch-publizistischen Establishment beitrugen („Grenzgänge“).

 

Bis dahin hatte Heinrich Senfft einen weiten Weg zurückgelegt: Es waren die Pfade eines immer wieder gefährdeten Grenzgängers, der nur mühsam vorankam. Heinrich Senfft wurde 1928 in Stuttgart in ein rechtskonservatives Milieu hineingeboren. Sein Vater, ein Architekt, hatte sich an der Gründung der gegenrevolutionären „Technischen Nothilfe“ beteiligt, war ihr in der Weimarer Republik hauptberuflich treu geblieben und hatte es unter den Nazis zum Landesführer für Württemberg-Hohenzollern gebracht. Er war schon 1938 verstorben. Danach bekam der Zehnjährige einen Unternehmer zum Stiefvater. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Nach Kriegsende liierte sich seine Mutter mit dem bekannten Publizisten Friedrich Sieburg, und dieser zweite Stiefvater beeinflusste Heinrich zutiefst. Er schloss sich dem Laupheimer Kreis an, einem schwäbischen CDU-Zirkel, der mit Akteuren wie Theodor Eschenburg, Eugen Gerstenmaier, Wilhelm Grewe, Kurt-Georg Kiesinger und Hans Speidel entschieden zur Formierung der bundesdeutschen Machtelite beitrug. Diesem Milieu blieb Heinrich Senfft lange verhaftet. Die Ablösung daraus fiel schwer und verlief konfliktreich – familiär wie politisch. Wie Heinrich selbst in seiner autobiographischen Aufzeichnung für unsere Festschrift bekannte, dauerten die ambivalenten Übergänge zum linksliberalen Lager bis Mitte der 1960er Jahre an. „1968“ inspirierte ihn dann zutiefst. Der Aufbruch zu neuen Ufern befreite ihn.

 

Im Spätsommer des vergangenen Jahrs besuchte ich Heinrich Senfft – wie sich nun herausstellte, zum letzten Mal. Er war resigniert, melancholisch und verbittert. Zu viel war in den letzten Jahrzehnten danebengegangen. Der DDR-Anschluss hatte zum späten Triumph dessen geführt, wovon er sich selbst so mühsam gelöst hatte. Die westdeutsche Machteile hatte sich die DDR einverleibt und war mit Häme über ihre Funktionsträger hergefallen – mit letzter Kraft hatte Senfft einige ihrer Exponenten verteidigt. Auch seine besten Freunde aus dem politischen Establishment waren gestorben – Günter Gaus, Karl-Otto Pöhl und Detlev Rohwedder. Seine innig geliebte zweite Lebenspartnerin Marita hatte eine heimtückische Krebserkrankung dahingerafft. Hinzu kam das Altern, mit dem er sich nicht abzufinden vermochte. Henri Nannen, so sagte er häufig, habe viel dummes Zeug geredet. Aber mit einer Bemerkung habe er richtig gelegen: „Altern ist Scheiße“. Das könne er nur bestätigen.

 

Gegen diese bittere Bilanz ließ sich mit Verweisen auf die Erfolge von damals nicht anreden. Also sprach ich von der Zukunft und über laufende Forschungsprojekte. Heinrich Senfft hörte mir aufmerksam zu, aber er griff den Faden nicht auf. Ich verstand schließlich, dass er sich auf das Verstummen vorbereitete.