Wir trauern um Konrad Boehmer, Komponist und Musikwissenschaftler (1941-2014)


Am 4. Oktober ist Konrad Boehmer nach kurzer schwerer Krankheit in Amsterdam gestorben. Er war Mitunterzeichner des Manifests für ein egalitäres Europa. Mit ihm ist ein Freund dahingegangen, der künstlerische Kreativität mit wissenschaftlicher Analyse zu verbinden wusste und zeitlebens der Agenda einer autonomen Gesellschaft verpflichtet blieb. Als Komponist, Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Hochschullehrer, Institutsleiter und Funktionsträger internationaler Komponistenvereinigungen hatte er sich früh einen Namen gemacht. Er galt als etablierter Außenseiter, dem aufgrund seiner unbestreitbaren Fähigkeiten, seines Humors und seiner Schlagfertigkeit die Zuschreibung als „Marxist Composer“ in der Regel nicht schadete.

Konrad Boehmer wurde 1941 in Berlin geboren und verlebte seine Jugendzeit im Rheinland. Nach dem Abitur an einem Kölner Gymnasium studierte er seit 1959 an der Musikhochschule und der Universität Köln Kompositionslehre, Musikwissenschaft, Philosophie und Soziologie. 1966 promovierte er mit einer Untersuchung über die offene Form in der neuen Musik, wobei er die Emanzipation des kompositorischen Schaffens von den „Gesetzmäßigkeiten“ der Zwölftonreihe und der seriellen Musik vorwegnahm,  ihnen zugleich aber als mit-strukturierenden Stilmitteln einen wichtigen Platz zuwies.  Sein wichtigster Kompositionslehrer war Gottfried Michael Kernig, als prägende Vorbilder bezeichnete er immer wieder Edgard Varèse, Luigi Nono und Hanns Eisler sowie bei den Klassikern Robert Schumann. Bis Mitte der 1960er Jahre arbeitete er im Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln. 1966 folgte er seinem Lehrer Koenig an das Instituut voor Sonologie an der Universität Utrecht. Zwei Jahre später reüssierte er als Musikredakteur der Wochenzeitung Vrij Nederland. Ab 1972 lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006  Musikgeschichte und Theorie der Neuen Musik an der Musikhochschule Den Haag.1996 übernahm er die Leitung des inzwischen nach Den Haag verlegten Instituut voor Sonologie. Darüber hinaus war er seit den 1970er Jahren als Gastdozent für Komposition in Lateinamerika, Skandinavien, den USA und in Mitteleuropa tätig.

Für Boehmer war das musikalische Leben ein Kernstück des Prozesses der individuellen und gesellschaftlichen Emanzipation; umgekehrt sah er in ihm aber auch einen Indikator, der auf das Ausmaß der jeweiligen sozialen Regressionstendenzen hinweist. Als Enragé der Befreiung durchdrang er die populären musikalischen Artikulationen und Überlieferungen – Folk, Rock und Pop – immer wieder mit Elementen der elektro-akustischen Serie, der Montage, des atonalen oder zwölftönigen Intermezzos und des Kontrapunkts. Er war zugleich ein entschiedener Gegner der Unterhaltungsmusik und des regressiven musikalischen Spots, der heute das Alltagsleben bis in seine letzten Winkel durchdringt, um es von der Kraft der Selbstbestimmung zu isolieren. Gegen diese Tendenzen kämpfte er unermüdlich und auf verschiedenen Ebenen. In seinen Aufsätzen und Kolumnen kritisierte er die reaktionären Tendenzen im zeitgenössischen kompositorischen Schaffen, da sie den gesellschaftlichen Auftrag der Musik verleugnen und letztlich nur dem Medienkapital in die Hände spielen. Noch vehementer geißelte er die marktradikale Austeritätspolitik der letzten Jahrzehnte, denn sie hat die Musikausbildung aus den Schulen verbannt, den hoch qualifizierten Nachwuchsensembles die Aufführungspraxis verwehrt und ein beispielloses Orchestersterben in Gang gebracht. Diese Entwicklungen beunruhigten Boehmer zutiefst und machten ihn zunehmend skeptisch. Seine Möglichkeiten zur Abhilfe waren begrenzt, aber wo er etwas ausrichten konnte, griff er beherzt zu – wie in den 1970er Jahren, als er die Tondokumente der Folk-Schule um Violeta Parra vor dem zerstörerischen Zugriff der chilenischen Militärjunta gerettet hatte. Vor einigen Jahren gründete er schließlich eine nach ihm benannte Stiftung, die sich das Ziel gesetzt hat, unbekannten oder in Vergessenheit geratenen Autoren und Werken der neuen Musik den Weg in die Öffentlichkeit zu ebnen.

Bis zuletzt war es Konrad Boehmer gegeben, seine wachsende Sorge um den Beitrag der Musik zum sozialen Fortschritt kreativ zu verarbeiten. Er hielt nicht viel von den Rückzugstendenzen einiger Komponistenkollegen, die sich in die extremsten Tonlagen und Klangfragmente flüchten, um gegen den totalitären Trend der Unterhaltungsmusik eine letzte Nische abzugrenzen. Er hielt bis zuletzt an der offenen Form fest, und er verband sie immer häufiger mit programmatischen Elementen der Wut und des Aufbegehrens. Wenn nötig, kehrte er dabei auch zu den historischen Quellen zurück, um die verstaubten Sujets gegen den Strich zu bürsten, so etwa das Faust-Thema: Schon bei seiner Faust-Oper (1983) hatte er Mephisto in den eigentlichen Übeltäter inkorporiert, und gut zwei Jahrzehnte später (2006) überantwortete er seinen Negativ-Helden in einem grandiosen Orchesterstück (Doktor Fausti Höllenfahrt) endgültig der gerechten Strafe. In einem seiner letzten Werke, einer Komposition für zwei Klaviere (Furientanz, 2013), evozierte er eine Serie von Wutausbrüchen, um sie immer wieder in Momenten des zweifelnden oder selbstironischen Innehaltens kontrapunktisch zu verarbeiten, bevor sie mit neuer Wucht hervorbrachen. Er war aber auch zu leiser  Melancholie fähig, indem er seit Jahrhunderten überlieferte musikalische Formen abwandelte, verfremdete und sich wieder neu aneignete, etwa in seinem Streichquartett (1991/92), in dem er vier Motive auf einer gemeinsamen Matrix verknüpfte, welche er unter das Motto „Et in Arcadia Ego“ gestellt hatte.

Die Trauerfeier für Konrad Boehmer fand am 13. Oktober in der ökumenischen Kirche De Duif in Amsterdam statt.

Karl Heinz Roth